75 Jahre Menschenrechte

Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht. Doch auch 75 Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen und 30 Jahre nachdem in der Weltbevölkerungskonferenz von Kairo die körperliche Selbstbestimmung überhaupt erst als ein solches festgeschrieben wurde, gibt es weltweit nach wie vor erhebliche Unterschiede zwischen formuliertem Anspruch und tatsächlicher Umsetzung. Anlässlich des Internationalen Tages der Menschenrechte weist die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) mit Blick auf jüngste Gesetzesänderungen in den USA, Europa und Afrika darauf hin, dass sexuelle und reproduktive Rechte insbesondere von Frauen und Mädchen nicht nur wieder in Frage gestellt, sondern auch konkret eingeschränkt werden.

257 Millionen Frauen weltweit können nicht frei darüber entscheiden, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommen; jede vierte Frau ist nicht in der Lage, zu verhüten oder Geschlechtsverkehr zu verweigern. Das führt dazu, dass immer noch jede zweite Schwangerschaft weltweit unbeabsichtigt ist, 121 Millionen im Jahr 2022, davon dreizehn Millionen bei Teenagern. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) endeten im selben Jahr rund 50 Millionen Schwangerschaften mit medizinisch unsicheren Abbrüchen, bei denen 39.000 Frauen starben, 60 Prozent davon in Afrika und rund 30 Prozent in Asien. „Jede Frau muss selbstbestimmt entscheiden können, ob und wie sie verhütet, und eine unbeabsichtigte Schwangerschaft sicher beenden können“, fordert die stellvertretende Geschäftsführerin der DSW, Angela Bähr. „Der fahrlässig in Kauf genommene Tod eines Mädchens oder einer Frau aufgrund von unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen kann als Menschenrechtsverletzung betrachtet werden.“

Insbesondere in Subsahara-Afrika, wo etwa 40 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt sind, mangelt es am Zugang zu altersgerechter Sexualaufklärung und modernen Verhütungsmitteln. Dies führt dazu, dass Mädchen und junge Frauen früh ungewollt schwanger werden und ihre Schulbildung unter- oder abbrechen müssen. Dadurch wird ihnen die Chance auf eine Ausbildung und eine eigene Erwerbstätigkeit genommen und der Weg in die Abhängigkeit und Armut ist vorprogrammiert. „Sexualität und Verhütung ist immer noch mit einem hohen Stigma belegt“, erklärt Angela Bähr, was die Aufklärung erheblich erschwere. „Hier wurden in den vergangenen Jahrzehnten zwar viele Fortschritte erreicht, doch sehen wir diese durch eine wieder zunehmend konservative Gesetzgebung in zahlreichen Ländern gerade stark in Gefahr.“

„Die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 war ein Meilenstein“, so Bähr weiter. Der 30. Jahrestag im Herbst müsse nun zum Anlass genommen werden, das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und selbstbestimmte Familienplanung international wieder zu stärken, denn dies werde aktuell nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa und den USA zunehmend in Frage gestellt. Hier gehe es nicht zuletzt auch um ein gesellschaftspolitisches Thema: „Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung ist ein Kernelement der Geschlechtergerechtigkeit.“ Für dieses dritte der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen sollte sich eine feministische Außen- und Entwicklungspolitik mit aller Kraft einsetzen.