Corona führt in Kenia zu noch mehr Teenager-Schwangerschaften. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) kämpft dafür, dass die Pandemie Mädchen in Entwicklungsländern nicht das Recht auf eine selbstbestimmte Zukunft raubt.

Fotos und Text: Brian Otieno, Philipp Hedemann

Catherine streicht sich vorsichtig über den Bauch: „So kann ich nicht nach Hause kommen. So darf Mama mich nicht sehen.“ Die Wölbung ist jetzt nicht mehr zu verstecken. In wenigen Wochen wird sie ein Baby zur Welt bringen. Catherine ist 17 Jahre alt. Sie hat die Schwangerschaft nicht gewollt. Sie ist eine von Hunderttausenden jungen Frauen, die seit Beginn des Corona-Lockdowns in Kenia unfreiwillig schwanger geworden sind. Die Covid-19-Pandemie führt dazu, dass sich im ostafrikanischen Land viele Mädchen nicht vor einer ungewollten Schwangerschaft schützen können. Für sie ist die frühe Mutterschaft im Lockdown oft eine Katastrophe in der Katastrophe. Mit Aufklärungsarbeit setzt sich die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) aus Hannover dafür ein, dass die Pandemie Mädchen und Frauen in Kenia und weiteren ostafrikanischen Ländern nicht ihrer Zukunftschancen beraubt.

Catherine besuchte die siebte Klasse, als die Pandemie im März ihr Heimatland Kenia erreichte. Die Regierung erließ bald einen strengen Lockdown. Ausgangssperren, Kontaktverbote und vor allem: Schließung aller Schulen. Eine Wiedereröffnung ist nicht in Sicht. Mittlerweile gibt es Homeschooling – aber nicht für Catherine.

Sie weiß, dass Bildung der einzige Weg ist, der Armut zu entkommen

Als der Lockdown verhängt wurde, lebte sie mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einer kleinen wellblechgedeckten Lehmhütte. Ohne Smartphone, ohne Computer, ohne Elektrizität. Catherine wollte diesem Leben endlich entfliehen, in einem Haus mit fließendem Wasser und Strom leben. Sie weiß, dass Bildung der einzige Weg ist, der Armut zu entkommen. Bildung, die sie jetzt nicht erhält, weil ihre Mutter zu arm ist, um ein Smartphone zu kaufen, mit dem Catherine am Unterricht teilnehmen könnte.

Weil sie im Lockdown schwanger geworden ist, wird sie nicht in die Schule zurückkehren können. Finanzielle Sorgen hat Catherine schon jetzt. Bild: DSW / Brian Otieno.

Zunächst arbeitete Catherine selbstständig ihre wenigen Schulbücher durch. Doch bald hatte sie die letzte Seite gelesen. Sie langweilte sich. Irgendwann beschloss sie, das Dorf in der Nähe des Victoriasees im Westen Kenias zu verlassen und an die Küste nach Mtwapa zu ziehen. Ihre ältere Schwester war zuvor in die Stadt nördlich der Hafenmetropole Mombasa gegangen. Bevor die meisten Flüge aus Europa nach Kenia eingestellt wurden, war der Ort für seinen Sextourismus berüchtigt. An den Traumstränden des Indischen Ozeans prostituierten sich auch viele minderjährige Mädchen.

„Als ich ihm sagte, dass ich von ihm schwanger sei, wollte er zunächst nichts damit zu tun haben“

Für die zweitägige Busfahrt an die Küste gab Catherine ihr letztes Geld aus. Als sie bei ihrer Schwester ankam, war sie mittellos. Dann lernte sie einen Mann kennen, der doppelt so alt war wie sie. „Wir haben geredet und geredet. Er war immer für mich da“, erzählt Catherine. Wenige Wochen nachdem sie ihn, der „so gut zuhören“ konnte, das erste Mal getroffen hatte, war die damals noch 16-Jährige von dem 16 Jahre älteren Mann schwanger – und plötzlich wollte er dem Mädchen vom Land nicht mehr zuhören. „Als ich ihm sagte, dass ich von ihm schwanger sei, wollte er zunächst nichts damit zu tun haben“, berichtet Catherine und kämpft dabei mit den Tränen.

In langen Gesprächen gelang es der jungen werdenden Mutter schließlich, den künftigen Vater zu überzeugen, Verantwortung für das ungeborene Kind zu übernehmen. Mittlerweile lebt Catherine mit ihrem Partner in einer kleinen Wohnung. Das bisschen, was er verdient, reicht gerade so, dass zwei über die Runden kommen. Wie Catherine und ihr Freund sich in wenigen Wochen zusätzlich Windeln, Kleidung und ein neues Moskitonetz kaufen sollen, um das Baby vor Malaria zu schützen, wissen sie noch nicht.

Hilfsorganisationen fürchten einen 40-prozentigen Anstieg von Teenager-Schwangerschaften

Mit den Schulschließungen fielen viele Aufklärungsangebote weg. Auch sind Gemeindezentren geschlossen, in denen es günstige Verhütungsmittel gibt. Die Folge: eine Zunahme von Teenager-Schwangerschaften. Bild: DSW / Brian Otieno.

Catherine ist kein Einzelfall. Schon vor Ausbruch der Pandemie war in Kenia fast jede fünfte Schwangere jünger als 20 Jahre. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Aber nach Schätzungen von Hilfsorganisationen könnte der coronabedingte Lockdown zu einem 40-prozentigen Anstieg von Teenager-Schwangerschaften führen. Allein in Kenia könnten so Hunderttausende Minderjährige Mutter werden.

Auch in vielen weiteren Ländern des globalen Südens könnte Corona zu einem unbeabsichtigten Babyboom führen. Experten des renommierten Guttmacher-Instituts berichten, dass die Covid-19-Pandemie unter anderem durch Unterbrechung von Lieferketten bereits jetzt drastische Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln hat. Zudem würden dringend in der Familienplanung benötigte Kapazitäten abgezogen und für die Pandemiebekämpfung eingesetzt.

Corona wirft die Entwicklungszusammenarbeit um Jahre zurück

Schwierige Zeit: Krankenschwester Hellen Mbodze Tunje möchte Mädchen wie Catherine gerne helfen. Bild: DSW / Brian Otieno.

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) befürchtet, dass coronabedingte Einschränkungen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen innerhalb von sechs Monaten zu sieben Millionen zusätzlichen unbeabsichtigten Schwangerschaften führen werden. Sollten die Restriktionen ein Jahr währen, könnte es sogar zu 15 Millionen zusätzlichen unbeabsichtigten Schwangerschaften kommen. Die zumeist unsicheren Abtreibungen könnten sich von 5,7 Millionen auf neun Millionen erhöhen. Da Schwangerschaften im Teenager-Alter besonders oft zu schweren Komplikationen führen, wird befürchtet, dass sich die Todesfälle bei jungen Müttern mehr als verdoppeln könnten, von 27.000 auf 55.000. 168.000 zusätzliche Neugeborene könnten während oder kurz nach der Geburt sterben. Und weil schwangere Mädchen oft besonders früh verheiratet werden und arme Familien in wirtschaftlich schwierigen Zeiten froh sind um jede weitere Tochter, die nicht von der Familie ernährt werden muss, rechnen die Vereinten Nationen damit, dass es infolge der Pandemie in den nächsten zehn Jahren weltweit zu 13 Millionen weiteren Frühverheiratungen kommen wird. So könnte Corona die seit den 1990er-Jahren weltweit erreichten Fortschritte beim Zugang zu Verhütungsmitteln und der Mütter- und Kindergesundheit wieder zunichte machen. Schon jetzt steht fest: Für die vielen Mädchen, die während des Lockdowns unfreiwillig schwanger wurden, wird Covid-19 lebenslange Folgen haben.

Vor allem auf dem Land wird Verhütung oft tabuisiert

„In der Schule haben sie uns nie erklärt, wie man sich vor einer ungewollten Schwangerschaft schützt“, erzählt Catherine mit niedergeschlagenem Blick. In vielen Gemeinschaften in Kenia wird der Wert einer Frau auch im Jahr 2020 noch daran bemessen, wie viele Kinder sie ihrem Mann schenkt. Auf Druck religiöser und konservativer Kräfte findet Aufklärungsunterricht an Schulen kaum oder gar nicht statt. Der Gebrauch von Verhütungsmitteln ist vor allem auf dem Land oft noch tabuisiert und stigmatisiert. Mädchen wie Catherine zahlen dafür einen hohen Preis.

Viele Mädchen werden in der Schule nicht aufgeklärt

Sylvia und ihre Mutter halten fest zusammen. Bald werden sie zu dritt zusammenleben, denn Sylvia ist ungeplant schwanger geworden. Bild: DSW / Brian Otieno.

Obwohl sie im achten Monat schwanger ist, schleppt Sylvia einen 20-Liter-Kanister vom Brunnen zu der aus dünnen Stämmen zusammengezimmerten, mit Lehm verputzen und Palmwedeln gedeckten Hütte ihrer Mutter. Die Sonne steht senkrecht am wolkenlosen Himmel, Sylvia rinnt der Schweiß über die Stirn. Die tropische Hitze macht der Hochschwangeren zu schaffen, aber sie will über der offenen Feuerstelle unbedingt Ugali, einen festen Maisbrei, für sich und ihre Mutter kochen.

Ihre Mama ist die einzige Person, die uneingeschränkt zu Sylvia hält. Der Mann, der es eigentlich tun sollte, macht es nicht. Sylvia lernte ihn in einem Nachtclub kennen, als sie 16 Jahre alt ist, und verliebte sich in den Gleichaltrigen. Ihre Schwangerschaft war weder geplant noch gewollt. „Der Junge hat nie ein Kondom benutzt. Er hat mir versprochen, dass ich trotzdem nicht schwanger werden kann. Ich habe ihm geglaubt. Ich habe ihn geliebt“, sagt Sylvia. Über Verhütungsmittel hat das Mädchen nie etwas gelernt. Weil ihre alleinerziehende Mutter sich Schuluniform und Schulgeld irgendwann nicht mehr leisten konnte, musste Sylvia wie viele ihrer Freundinnen die Schule in der fünften Klasse ohne Abschluss verlassen. Das Thema Verhütungsmittel stand bis dahin nicht auf dem Lehrplan.

Aus Verzweiflung begehen viele Mädchen unsichere Schwangerschaftsabbrüche

In Kenia entscheidet sich nach Schätzungen rund ein Drittel aller schwangeren Mädchen, die Schwangerschaft nicht auszutragen. Sie schlagen sich mit voller Kraft auf ihren wachsenden Babybauch oder gehen aus Mangel an sicheren Alternativen zu einem der unzähligen illegalen, schlecht oder gar nicht ausgebildeten Laien-Medizinern.

Diese verabreichen den verzweifelten Schwangeren giftige Säfte oder Tabletten, die das ungeborene Kind im Mutterleib töten sollen. Nicht selten kommt das Baby trotzdem zur Welt, dann häufig mit schwersten Missbildungen. In anderen Fällen ist die Dosis des Gifts so stark, dass auch die Schwangere daran stirbt.

Schwangerschaftsabbrüche sind in Kenia die zweithäufigste Todesursache bei Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Seit dem Corona-Lockdown werden zudem immer wieder Leichen Neugeborener gefunden, die von ihren verzweifelten Müttern nach der Geburt getötet oder ausgesetzt wurden.

„Alle Mädchen, die sexuell aktiv sind, sollten wissen, wie man sich schützen kann.“

Unter sengender Sonne: Sylvia lebt in einer Lehmhütte. Um die Schule auch nach der fünften Klasse besuchen zu können, reichte das Geld nicht. Bild: DSW / Brian Otieno.

Alleine wäre auch Sylvia mit ihrem Baby vollkommen überfordert, doch mit Unterstützung ihrer Mutter will sie das Kind zur Welt bringen und ihm eine gute Mutter sein. „Meine Mutter wird mir helfen. Zusammen schaffen wir es“, sagt Sylvia.

Sie spricht mit fester Stimme. Dennoch klingt es eher so, als wolle sie sich mit dem, was sie sagt, Mut für eine ungewisse Zukunft machen. Eine Zukunft, in der der Vater ihres Kindes keine Rolle spielen soll. „Ich hätte Angst, dass er mich schlagen würde, weil ich schwanger geworden bin. Ich will ihn nicht mehr sehen und nie wieder mit ihm sprechen“, sagt die junge Frau voller Überzeugung.

Doch mit ihren Freundinnen, die früher mit ihr in schummrigen Bars und Nachtclubs abhingen, möchte sie sprechen. Und zwar über Verhütungsmittel. Sylvia: „Alle Mädchen, die sexuell aktiv sind, sollten wissen, wie man sich schützen kann.“

Eltern reagieren gegenüber ihren Töchtern oft gewalttätig, wenn sie erfahren, dass sie einen Freund haben

Mwanasiti Juma Ali kennt viele Mädchen wie Catherine und Sylvia – und durch Corona werden es immer mehr. Als ehrenamtliche Gesundheitshelferin geht sie in Mtwapa täglich von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte und spricht im Auftrag der DSW mit Eltern und Kindern über Verhütung und Familienplanung. „Weil die Schulen geschlossen sind, müssten jetzt eigentlich die Eltern mit ihren Kindern über Verhütung sprechen. Aber die meisten machen es einfach nicht“, sagt Mwanasiti Juma Ali. Statt ihnen zu sagen, wie sie sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV und ungewollten Schwangerschaften schützen können, reagieren viele Eltern gegenüber ihren Töchtern gewalttätig, wenn sie erfahren, dass sie einen Freund haben. „Sie fordern von ihren Kindern absolute Enthaltsamkeit, weil sie glauben, dass man durch Verhütung unfruchtbar werden kann. Ich kämpfe mit Aufklärung gegen diese Mythen“, sagt die Mutter von acht Kindern.

Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen hat durch Corona zugenommen

KÄMPFT FÜR Aufklärung: Mwanasiti Juma Ali, selbst Mutter von acht Kindern, möchte Mädchen helfen. Bild: DSW / Brian Otieno.

Durch ihre Gespräche mit verzweifelten Mädchen und jungen Frauen weiß Mwanasiti Juma Ali, dass geschlechtsbezogene und sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen seit Beginn der Pandemie stark zugenommen hat. Die Täter stammen meist aus der eigenen Familie. Die Unterbrechung von Programmen zur Gewaltprävention, wegbrechende Einkommensmöglichkeiten während des Lockdowns, Eingesperrstsein auf engstem Raum sowie der mögliche Einfluss von Alkohol und Drogen führen vor allem für Frauen und Mädchen zu einer gefährlichen Situation. Vergewaltigungen in der Ehe und durch Familienangehörige sowie Inzest nehmen zu. Weil die Opfer sich in der Regel nicht trauen, die brutalen Verbrechen anzuzeigen und Lehrkräfte nicht mehr Alarm schlagen können, liegen keine genauen Zahlen vor, die Dunkelziffer dürfte die Zahl der gemeldeten Fälle deutlich übersteigen. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) befürchtet, dass coronabedingte Einschränkungen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen innerhalb von sechs Monaten zu 31 Millionen weiteren Fällen von geschlechtsspezifischer Gewalt führen könnten.

Durch Schulschließungen sind Teenager auf sich allein gestellt

Bildung ist Alles: Hellen Mbodze Tunje
setzt sich dafür ein, dass Mädchen die Schule beenden. Bild: DSW / Brian Otieno.

Je länger die Schulen in Kenia geschlossen bleiben, desto mehr Mädchenträume werden platzen. Hellen Mbodze Tunje ist Krankenschwester im Gesundheitszentrum in Mtwapa. Sie weiß, dass Maßnahmen wie Schulschließungen notwendig waren, um das fragile kenianische Gesundheitssystem in der Pandemie vor dem Kollaps zu bewahren. Aber sie kritisiert, dass ausgerechnet die besonders gefährdeten Teenager in dieser Zeit weitgehend auf sich alleine gestellt sind. Die Kurve der Corona-Todesfälle konnte durch die Maßnahmen der Regierung vermutlich abgeflacht werden, die Kurve von unbeabsichtigten Schwangerschaften, Kinderehen und geschlechtsbezogener und sexualisierter Gewalt stieg jedoch an. „Es zeigt, dass die Regierung wirksame Schutzmaßnahmen hätte ergreifen sollen, bevor sie die Schulen schließt“, sagt die Krankenschwester. Den Mädchen, die zu ihr kommen, rät sie, wieder die Schule zu besuchen, sobald das möglich ist. Auch Catherine und Sylvia wollen sich diesen Traum eines Tages doch noch erfüllen.

Der Text ist erstmalig im Rossmann-Kundenmagazin Centaur 12/2020 erschienen.