Diese Hochzeit war kein Kinderspiel

Denny Ehrlich Blog, Jugendliche, Müttergesundheit, Weibliche Genitalverstümmelung 1 Comment

Skurrile Hochzeitseinladungen, demonstrierende Kinder in Brautkleidern, ein tragischer Film und jede Menge Faxe an Frau Merkel. „Heiraten ist kein Kinderspiel“ war vielleicht die außergewöhnlichste Kampagne unserer fast 25-jährigen Geschichte. Doch Kinderehen sind leider auch immer noch ein außergewöhnliches Thema – denn fast niemand kann auch nur erahnen, wie viele Mädchen täglich verheiratet werden. Wie lief die Kampagne ab? Und was hat es gebracht?

Kinder mit Brautkleidern und Schildern

Freitag, 5. Juni, 15:00, am Gendarmenmarkt, allgemein als der schönste Platz Berlins bezeichnet. Umringt von monumentalen Bauten, dem Deutschen und Französischen Dom sowie dem Konzerthaus, bildet er eine beeindruckende Kulisse für den heutigen Tag. Denn es ist das große Finale unserer vierwöchigen Kampagne „Heiraten ist kein Kinderspiel“.

Bei Sonnenschein und 30 Grad betreten wir den Schauplatz. Für unsere Protestaktion stellen sich 18 junge Mädchen, in Hochzeitskleider gekleidet und mit Protestschildern ausgestattet, inmitten vom Gendarmenmarkt auf. Als Kinderbräute verkleidet vermitteln sie, wie aussichtslos ihr Leben nun aussieht, und bitten die Bundeskanzlerin, endlich etwas gegen Kinderehen zu tun. Eine ihrer Botschaften: „Als Kinderbraut wären Sie nie Kanzlerin geworden, Frau Merkel!“[su_slider source=”media: 751,753,756,757,755,754,752″ width=”680″ height=”520″ title=”no” autoplay=”0″]

Schon bald erweckt unsere Aktion Aufsehen. Passanten bleiben stehen: „Was passiert denn hier?“ Die in weiß gekleideten Mädchen erwecken durchaus Neugier. Wir erklären den Passanten unser Anliegen und stellen unsere Kampagne „Heiraten ist kein Kinderspiel“ vor.

Nach unserer gelungenen Aktion dürfen die Schülerinnen wieder nach Hause in das Wochenende starten – glücklich darüber, dass sie ihr Leben selbstbestimmt leben können. Lisa, eine der Schülerinnen, sagt: „Ich finde es blöd, dass Kinder so früh heiraten müssen und dann nicht mehr zur Schule gehen können.“ Lisa und die anderen Mädchen haben Glück, denn sie gehören nicht zu den 40.000 Mädchen, die jeden Tag verheiratet werden.

Es passiert alle 2 Sekunden!

Tierärztin oder Lehrerin? Pilotin oder Modedesignerin? Während hierzulande Mädchen im Alter von 14 und 15 Jahren noch von ihrem perfekten Leben träumen, hat es sich andernorts für viele andere Mädchen ausgeträumt. Denn aller zwei Sekunden wird auf der Welt ein minderjähriges Mädchen verheiratet. Viele von ihnen werden kurz nach der Heirat schon schwanger, obwohl eine frühe Schwangerschaft für junge Mädchen und ihre Neugeborenen lebensbedrohlich ist.

Vor dem G7-Gipfel appellierten wir daher an die Bundesregierung, sich stärker gegen Kinderehen zu engagieren. Was sie tun kann? Regierungen stärker in die Pflicht nehmen, den gesellschaftlichen Wandel fördern und vor allem Armut bekämpfen – denn Armut ist eine der Hauptursachen für die Frühverheiratung junger Mädchen. Und dazu muss die Bundesregierung endlich klar und deutlich darlegen, wie sie das international vereinbarte Ziel, 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung zu stellen, erreichen will.

Alles begann mit einer seltsamen Einladung

Anna und Michael hieß unser Brautpaar, das sich Anfang Juni das Ja-Wort geben sollte. Zu dieser Hochzeit haben wir etwa 500 Menschen per Post Einladungen zugeschickt. Die Hochzeitseinladungen sahen dabei so echt aus, dass die meisten Menschen wohl lange grübeln mussten, wer sich denn hinter dem Brautpaar verbirgt. Alte Schulfreunde, entfernte Verwandte oder Bekanntschaften, die man sogar schnell wieder vergessen möchte? Einen Tipp gab es aber: Den Verweis auf die Hochzeitswebsite www.michael-und-anna.deEinladungskarte_Michael_und_anna_hochzeit

Im ersten Moment ist auch hier noch nichts erkennbar. Es ist vom schönsten Tag und einer hoffentlich wundervollen Feier die Rede. Aber Moment! Michael hat bei Annas Vater um ihre Hand angehalten? Und sie wusste davon nichts?

Ein romantisch anmutendes Video bringt die Auflösung, die Stimmung kippt:

Ausweichende Reaktion der Bundesregierung

Der Vorhang ist nun gefallen und es ist klar: Dies ist keine romantische Hochzeitsseite, sondern eine Kampagne gegen Kinderehen. Es folgen erschreckende Fakten, Lösungsansätze und Geschichten von Mädchen aus aller Welt, die sich mit dem Thema konfrontiert sehen oder sahen.

Wir wollten von der Kanzlerin wissen, was die Bundesregierung zu tun gedenkt, um verstärkt gegen Kinderehen vorzugehen, und diese Frage bei direktzurkanzlerin.de eingestellt. Das Prinzip: Jeder kann eine Frage stellen und für Fragen jeweils einmal abstimmen. Je mehr Stimmen eine Frage hat, desto höher rutscht sie im Ranking. Besonders erfolgreiche Fragen werden dann an die Bundeskanzlerin zur Beantwortung weitergeleitet. Die Frage zum Thema Kinderehen war so erfolgreich, dass sie schon nach wenigen Tagen auf Platz eins gevotet und weitergeleitet wurde. Tolles Ergebnis. Das Thema scheint also wirklich vielen Menschen am Herzen zu liegen, obwohl die meisten anderen Fragen sich um tagesaktuelle Sachverhalte wie Bahnstreik oder Griechenland drehten.

Nun hieß es für uns: Weiter Druck ausüben und auf eine Antwort von der Kanzlerin warten. Die Reaktion kam – und sie war, vorsichtig ausgedrückt, über alle Maßen enttäuschend. Eine Antwort à la „ducken und wegschauen“, beantwortet vom Bundespresseamt und nicht vom Bundeskanzleramt. Wir wurden in der Antwort mit zwei Beispielprojekten der GIZ abgespeist, bekamen aber keine Antwort darauf, wie sich die Bundesregierung in Zukunft stärker einsetzen wird. Offensichtlich sind täglich 40.000 verheiratete Mädchen für die Bundesregierung zufriedenstellend.

Mit einem Berg an Faxen und einem Gruselvideo zum G7-Gipfel

Wir wollten die Bundesregierung nicht so einfach davonkommen lassen und Angela Merkel vor dem G7-Gipfel noch ein Schockervideo und eine Menge Faxe auf ihren Weg zum G7-Gipfel auf Schloss Elmau mitgeben. Das Video ist ein wahrer Low-Budget-Kurzfilm, der vor allem durch seine Idee und weniger seine Hochglanzoptik überzeugen soll. Der Film begleitet im Schnelldurchgang ein Mädchen von der Verheiratung bis zum Eheleben – und verrät in Details auch, welch furchtbares Leid frühverheiratete Mädchen häufig durchmachen müssen. Ob Frau Merkel den Film gesehen hat, wissen wir nicht. Aber über 350.000 Menschen haben ihn allein auf Facebook gesehen, vor allem junge Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren.

Was das Bundeskanzleramt aber ganz sicher gesehen hat, sind die zahlreichen Faxe, die dort eingegangen sind. In dem vorgefertigten Fax haben wir die Bundeskanzlerin dazu aufgerufen, sich stärker gegen Kinderehen zu engagieren. Die User konnten dann auf unserer Website das Fax mit ihrem Namen versehen und kostenlos ans Bundeskanzleramt schicken. Eine Online-Petition über ein wohl bald aussterbendes Medium. Wir fühlten uns in die 90er zurückversetzt.

Was hat es gebracht? Was haben die G7-Staaten beschlossen?

Der einzig nennenswerte Passus aus dem Abschlussdokument der G7-Staaten lautet wie folgt:

“Durch die Teilhabe von Frauen am wirtschaftlichen Leben werden Armut und Ungleichheit verringert, Wachstum gefördert und Vorteile für alle geschaffen. Dennoch werden Frauen immer wieder diskriminiert, wodurch wirtschaftliches Potenzial beeinträchtigt, Entwicklungsinvestitionen gefährdet und ihre Menschenrechte verletzt werden.

Wir werden unsere Partner in Entwicklungsländern und in unseren eigenen Ländern darin unterstützen, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie andere kulturelle, gesellschaftliche, wirtschaftliche und rechtliche Hürden für die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen zu überwinden.”

Was damit gemeint ist? Auf jeden Fall auch die Frühverheiratung von Mädchen! Oder doch nicht? Die Abschlusserklärung bleibt schwammig, ähnlich wie die Antwort vom Bundespresseamt zuvor. Was an konkreten Handlungen nun folgt, werden wir sehen. Wir bleiben auf jeden Fall dran.

Der sehr viel größere Erfolg liegt in der Reichweite unserer Kampagne. Zahlreiche Medien, darunter Stern, RTL Explosiv und Wunderweib, haben über die Kampagne berichtet. Viele Menschen haben sich so mit dem Thema befasst. Teilweise waren am Tag 10.000 Menschen auf der Website von Michael und Anna. Bleibt zu hoffen, dass sich nun auch die Bundesregierung stärker dem Thema widmet.

von Sadiah Meiselbach und Denny Ehrlich 

Comments 1

  1. Gratulation zur Projektkampagne! Wir arbeiten das Grundproblem im Gymnasium in Sek I und Sek II auf, wenn nun wie jetzt zudem neue Videostreams informieren, ist das für uns als Lehrer und die Schüler ein weiterer nachhaltiger Impuls. Das Video “Anna heiratet” ist überaus gelungen, die ganze Kampagne intelligent inszeniert mit großer Breitenwirkung. Schade dass ich beim ersten Eintreffen der digitalen Einladung an Spam glaubte und eben diese löschte.
    M.f.G.
    H. Seevers

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