Ein starkes Trio im Kampf gegen Scheidenfisteln

Mareike Döring Blog, Freiwillige Familienplanung, Frühe Aufklärung, Müttergesundheit Leave a Comment

Im Norden Äthiopiens leben viele Opfer von Scheidenfisteln. Meist wurden sie früh verheiratet und von ihren älteren Ehemännern geschwängert. Ihre Körper jedoch waren noch zu schmächtig, um die Geburt unversehrt zu überstehen. Die Mädchen erleben großes körperliches und seelisches Leid. Doch das Stigma macht sie unsichtbar. Die Mädchenklubs der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) engagieren sich für ein Umdenken.

Abebech lebte für viele Jahre allein am Rand ihres Dorfes. Sie war isoliert und schämte sich. Ihre Eltern hatten sie an einen älteren Mann verheiratet, der sie zwang die Schule abzubrechen. Sie wurde schwanger, wie so viele Mädchen im ländlichen Äthiopien. Vor Ort gab es keine ärztliche Versorgung und weil ihr Körper noch zu zierlich für eine Geburt war, kam das Baby nach tagelangen Wehen tot zur Welt. Kurze Zeit später begann die Inkontinenz. Als klar wurde, dass der ständige Fluss von Urin nicht enden würde, ging ihr Ehemann und kam nicht mehr zurück. Von da an lebte sie allein und zurückgezogen in einer kleinen Hütte. Viele glaubten, es läge ein Fluch auf ihr – und sie selbst glaubte es auch.

Doch es war kein Fluch Gottes unter dem Abebech litt, sondern eine innere Verletzung mit dramatischen Folgen, unter der weltweit mehr als zwei Millionen Frauen leiden. Und sie hat einen Namen: Scheidenfistel.

Eine Scheidenfistel entsteht, wenn das Kind während einer Geburt im Geburtskanal stecken bleibt und die Blutzufuhr zu manchen Bereichen des Gewebes der Mutter unterbrochen wird. Ein Durchbruch zwischen Vagina und Blase, und manchmal sogar Darm, entsteht und die Betroffene kann ihre Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren. Ihr Kind überlebt diese Qualen nur selten.

Die Chance auf Heilung

Die Fistel an sich ist relativ leicht zu beheben. Die Operation hat eine über 90 prozentige Aussicht auf Erfolg. Doch das wissen die betroffenen Frauen meist nicht. Während Scheidenfisteln bis ins 19. Jahrhundert auch bei uns häufig vorkamen, treten sie heute nur noch in Entwicklungsländern und besonders häufig in Afrika auf.

Mädchen ohne Mitsprache

Der Kampf gegen Scheidenfisteln in ÄthiopienIn Äthiopien zum Beispiel, wo Gesundheits- und Bildungssysteme schwach, und ländliche Regionen schwer erreichbar sind, weil nur wenige asphaltierte Straßen die ausgedehnten Landstriche durchkreuzen, kommen auch heute noch jedes Jahr mehrere tausend Fälle hinzu. Mädchen leiden hier häufig unter Mangelernährung und werden noch als Kinder verheiratet. Trotz ihres Alters wollen die sehr viel älteren Männer „die Ehe vollziehen“ und die zu junge Ehefrau wird schwanger. Bereits jetzt lebt sie in einem Zustand völliger Entmachtung, darf nicht über ihr Leben und ihren Körper bestimmen und selbst die intime Entscheidung der Familiengründung ist schon getroffen – und zwar ohne ihre Mitsprache.

Doch mit der qualvollen Geburt verändert sich ihr Leben ein weiteres Mal. Mädchen und Frauen mit einer Scheidenfistel werden ausgestoßen und isoliert. Hierfür gibt es komplexe und kulturell bedingte Gründe, wie zum Beispiel der Druck, der auf Frauen lastet, ihre Fruchtbarkeit unter Beweis zu stellen, oder die Stigmatisierung des „Scheiterns“ als Frau, wenn sie kein gesundes Kind zur Welt bringen kann. Der Hauptgrund für die Isolation ist jedoch der grausamste und einfachste zugleich: Die Frauen stinken.

Genau diese Isolation ist es, die es so schwer macht, die Betroffenen überhaupt zu finden.

Das neue Leben von Abebech Gashu

Abebech Gashu war eine der Patientinnen, die von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) in ein Krankenhaus gebracht wurde, das auf die Behandlung von Scheidenfisteln spezialisiert ist: Das Hamlin Krankenhaus in Bahir Dar, der Bezirkshauptstadt der nördlich gelegenen Amhara-Region. Dort stellte die DSW sicher, dass Abebech operiert und versorgt wurde. Nach den Rehabilitationsmaßnahmen ermöglichte die DSW ihr eine kleine Weiterbildung, bei der sie lernte, wie sie sich mit einem Geschäft selbstständig machen konnte. Außerdem bekam sie einen Mikrokredit der DSW, der ihr bei der Gründung half. So startete Abebech in ihr neues Leben.

Scheidenfisteln sind nicht nur heilbar. Sie sind vor allem vermeidbar. Abebech, die heute 30 Jahre alt ist, musste erst jahrelanges Leid ertragen, bevor sie erfuhr, dass es nicht ihre Schuld war.

„Heute weiß ich, dass ich gesunde Kinder bekommen kann. Doch damals war ich zu jung“, sagt Abebech und schaut zu ihrer zweijährigen Tochter hinüber. „Ohne diese Gruppe von Mädchen, die unser Dorf besuchten, hätte ich das vielleicht nie erfahren.“ Doch wer waren diese Mädchen?

In der abgelegenen Amhara-Region im Norden von Äthiopien liegt der Ort Gish Abay, wo der blaue Nil entspringt. Hier leben die jungen Frauen Tigist, Birtukan und Eden. Sie leiten den örtlichen Mädchenklub der DSW.

Einige dutzend dieser Jugendklubs, zu denen sich in Äthiopien vor allem Mädchen zusammenschließen, hat die DSW über die Jahre in der Amhara-Region gegründet. Sie sind Anlaufstellen für junge Menschen, die Fragen zu Aufklärung und sexueller Gesundheit haben, die einer Frühverheiratung entgehen wollen oder sich gemeinsam mit anderen für Mädchenrechte engagieren möchten. Diese Klubs organisieren auch Fahrten in benachbarte Dörfer, wo sie über Scheidenfisteln aufklären, Informationsmaterial bereitstellen und bei der traditionellen Kaffeezeremonie mit den Menschen über schädliche traditionelle Praktiken wie Frühverheiratungen diskutieren. Dabei hören sie sich um und stellen Fragen, um herauszufinden, ob es im Dorf eine Frau mit einer Scheidenfistel geben könnte. Wenn sie eine Vermutung haben, übernimmt das Personal der DSW und ermöglicht die Operation, finanziert auch die Nachsorge und hilft bei der Rückkehr in die Gesellschaft.

Ein starkes Trio für Mädchen- und Frauenrechte

Eine der Hauptursachen für Scheidenfisteln ist eine zu frühe und zumeist auch ungewollte Schwangerschaft. Diese kann das Resultat von Gewalt sein, aber auch von einvernehmlichem, aber ungeschütztem Sex. „Junge Menschen wissen oft gar nichts über Verhütung und niemand erklärt es ihnen – wie sollen sie sich da schützen oder gute Entscheidungen treffen?“, sagt Tigist. „Wir wollen aber auch, dass Mädchen Nein sagen, wenn sie den Sex nicht wollen“, ergänzt ihre Freundin Eden. „Wir ermutigen sie dazu, denn es ist ihr gutes Recht, ‚Nein‘ zu sagen. Genauso wichtig ist es aber, dass ihr Umfeld sie dabei unterstützt. Die Erwachsenen, also die Eltern, ihre Lehrer und letztendlich auch die Gemeindeführer müssen die jungen Mädchen dabei unterstützen, ihre Rechte wahrzunehmen.” Genau aus diesem Grund sprechen die Jugendlichen aus den Klubs nicht nur mit Gleichaltrigen, sondern werben in ihren Gemeinden für ein Umdenken.

Frühverheiratungen zu beenden und diese verheerenden Geburtsverletzungen zu verhindern, das ist der große Traum der drei Mädchen, die sich neben der Schule ehrenamtlich für den Klub engagieren. Birtukan zögert keine Sekunde bei der Frage, wieso sie so viel Zeit und Energie darauf verwendet, anderen zu helfen: „Das schönste an unserer Arbeit ist eigentlich, dass wir Frauen ein neues Leben ermöglichen können. Denn wenn wir eine Frau mit einer Scheidenfistel ausfindig gemacht haben, können wir uns ganz sicher sein, dass sie nach der medizinischen Behandlung auch wirklich geheilt ist. Auch wenn der Moment wunderschön ist, die Frau zurück im Leben zu sehen, macht es mich auch traurig: Wie viel Leid hätte ihr erspart bleiben können?“

 

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