Wie das DSW-Projekt trotz Corona weitergeführt wird

Die ganze Welt bleibt Zuhause! Um die Verbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen, rufen Regierungen überall auf der Welt zu Kontaktbeschränkungen auf. Das wirtschaftliche und soziale Leben ist nur eingeschränkt möglich und oft gelten Ausgangssperren – auch in Ostafrika. Das kann nachteilig für die Entwicklungszusammenarbeit sein. Gleichzeitig ist diese jedoch vielerorts notwendiger als zuvor. Um weiterhin für die Menschen da sein zu können, hat die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) ihre Projektarbeit an die neuen Bedingungen angepasst.

 

„Für viele Frauen und Mädchen ist die Bedrohung am größten, wo sie eigentlich am sichersten sein sollten. In ihren eigenen vier Wänden“, erklärt UN-Generalsekretär António Guterres in einer Videobotschaft. „Wir wissen, dass Ausgangssperren und Quarantänen unerlässlich sind, um COVID-19 zu bekämpfen. Aber Frauen in gewalttätigen Beziehungen können durch sie gefangen sein.“ Überall auf der Welt häufen sich die Berichte über zunehmende häusliche Gewalt gegenüber Frauen. Frauen und Männer für sexualisierte Gewalt und geschlechterspezifische Diskriminierung zu sensibilisieren und diese zu beenden sind die Kernthemen des DSW-Projekts „Her Right!“ auf der kenianischen Seite des Victoriasees.   

 Das Projekt „Her Right!“

Für die Menschen am Victoriasee in Kenia ist die Fischerei die Haupteinnahmequelle. Die Rollenverteilung ist klar: Die Männer fangen, die Frauen verkaufen den Fisch. Wenn junge, unverheiratete Frauen eine Chance haben wollen, wirklich guten Fisch zu bekommen, um diesen verkaufen und für ihren Lebensunterhalt sorgen zu können, müssen sie den älteren Männern dafür meist sexuelle Dienste erweisen. Verweigern sie sich, bekommen sie keinen oder minderwertigen Fisch. Sie nennen es das Jaboya-System. Hunger, wirtschaftliche Not und fehlende Alternativen, machen es den Frauen schwer, sich aus dem System zu befreien. Um ihnen Wege aus dieser Misere aufzuzeigen, arbeitet die DSW im Rahmen des Projekts „Her Right!“ eng mit den örtlichen Behörden und Medienpartnern zusammen.

Infoveranstaltungen zu sexualisierter Gewalt über Radioshows

Das Herzstück des Projekts ist die Weitergabe von Wissen rund um sexuelle und reproduktive Rechte durch die örtlichen Behörden und Gemeindevertreter. Das geschieht meist über direkte Kommunikation im Rahmen von Diskussionsrunden und Schulungen. Geredet wird zum Beispiel darüber, was sexualisierte Gewalt bedeutet, wie sich Frauen aus einem Abhängigkeitsverhältnis befreien können und welche wirtschaftlichen Alternativen sie haben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist zurzeit durch die Kontaktbeschränkungen, die auch in Kenia gelten, nicht möglich. Die Projektverantwortlichen vor Ort konzentrieren sich deshalb auf andere Maßnahmen, um den Bedürfnissen der betroffenen Frauen Gehör zu verschaffen. „Wir arbeiten mit dem Sender Radio Maishia zusammen, der landesweit empfangen wird“, erzählt Rosemary, die in Kenia für die DSW arbeitet. „Wir organisieren Interviews mit Behörden und respektierten Gemeindemitgliedern, bei denen der Moderator Fragen zu den Themen sexualisierte Gewalt und Geschlechterdiskriminierung stellt.“ Fragen, die sich die meisten Zuhörer*innen nicht stellen würden. Über die Antworten erkennen die Hörer*innen, dass es auch andere Sichtweisen gibt als die, die ihnen möglicherweise „normal“ erscheinen. „Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist eine Verhaltensweise. Verhaltensweisen können nur über einen längeren Zeitraum verändert werden, wenn Informationen konstant geteilt und zugänglich gemacht werden“, erklärt Rosemary weiter.

Die Fallzahlen von sexualisierter Gewalt steigen durch Ausgangssperren

Die gegenwärtige Situation macht aber auch deutlich, dass es mehr braucht, als die Fischergemeinden in der Region langsam und kontinuierlich zu einem Umdenken zu bewegen. Auch an den Küsten des Victoriasees werden aktuell mehr Fälle von sexualisierter und häuslicher Gewalt gemeldet als vor den Kontaktbeschränkungen zum Eindämmen von COVID-19. „Wenn Frauen aufgrund der Kontaktbeschränkungen keinen Fisch verkaufen können, sind sie finanziell von ihren Ehemännern abhängig. Diese können ebenfalls nicht zum Fischen rausfahren, sodass die ganze Familie in finanzielle Bedrängnis gerät“, erzählt Rosemary. Das wiederum sei eine mögliche Ursache für Gewalt: „Untätigkeit und Langeweile führen möglicherweise zu sexuellen Wünschen, denen Frauen manchmal nicht nachkommen, zum Beispiel weil sie gerade keinen Zugang zu Verhütungsmitteln haben – oder aber auch einfach keine Lust verspüren. Das kann zu Frust, zu Konflikten und – gerade in häuslicher Isolation – auch zu Gewalt führen. Wir müssen hier berücksichtigen, dass es viele Formen von Gewalt gibt. Es gibt auch psychische Gewalt, nicht nur physische“, gibt Rosemary zu bedenken.

Eine Hotline bietet Hilfe für Opfer von häuslicher Gewalt

Um dieser Gewalt zu begegnen und Frauen in Notlagen trotz der aktuellen Beschränkungen zu unterstützen, haben die Projektverantwortlichen gemeinsam mit Radio Maishia eine Hotline eingerichtet. Opfer von häuslicher oder sexualisierter Gewalt können sich hier beraten lassen und Hilfe bekommen. Sie werden dabei unterstützt, mögliche Gewaltverbrechen bei der Polizei anzuzeigen. Wenn es notwendig ist, wird ihnen außerdem eine medizinische Versorgung und eine psychologische Beratung angeboten. Auch für die nächsten Wochen hat der Radiosender die Zusammenarbeit bereits zugesagt, sodass Frauen sogar innerhalb einer Ausgangssperre oder Quarantäne Hilfe bekommen können.

Informationen über Lautsprecher statt Gespräche unter vier Augen

Zusätzlich haben die Projektverantwortlichen der DSW gemeinsam mit den Behörden vor Ort ein Fahrzeug mit einer Lautsprecheranlage organisiert. Dieses fährt durch die gesamte Gemeinde und beschallt die Menschen mit Informationen zu ihren sexuellen und reproduktiven Rechten. Vor allem aber reagiert das Team auf diese Weise auch auf die besonderen Bedürfnisse der Zeit. Was ebenfalls über diesen Weg geteilt wird, sind Informationen darüber, wie man sich effektiv vor COVID-19 schützen kann. Damit jedes Gemeindemitglied die Informationen richtig versteht, erfolgen die Lautsprecherdurchsagen in den beiden vorherrschenden Ortssprachen: Kiswahili und Kimanayala.