Gastbeitrag von Dr. Elke Loichinger, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung,

Kürzlich veröffentlichte die Fachzeitschrift The Lancet globale Bevölkerungsprognosen von Wissenschaftler*innen am Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME). Die Ergebnisse der Studie unterscheiden sich deutlich von denen der Vereinten Nationen (VN): Die IHME Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass das Maximum der Weltbevölkerung schon im Jahr 2064 mit 9,73 Milliarden Menschen erreicht wird und dann konstant sinkt. Die Berechnungen der Vereinten Nationen zeigen einen kontinuierlichen weiteren Anstieg und eine Weltbevölkerung von 10,88 Milliarden bis zum Jahr 2100.

Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Ergebnissen?

Bevölkerungsprognosen werden auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene und für verschiedenste Zeithorizonte durchgeführt. Die verbreitetste Methode hierfür ist die sogenannte Kohorten-Komponenten-Methode. Hierbei werden Annahmen über die zukünftige Entwicklung von Fertilität (= Anzahl der Geburten), Mortalität (= Sterbefälle) und Migration (= Zu- und Abwanderung) getroffen und auf die Ausgangsbevölkerung angewandt. Die Zusammensetzung und Größe einer Bevölkerung kann sich nur durch Entwicklungen dieser drei demografischen Komponenten verändern. Je nach Land unterscheidet sich, in welchem Umfang Geburten, Sterbefälle sowie Zu- und Abwanderungen Einfluss auf die zukünftige Bevölkerungsentwicklung haben. Sowohl die Vorausberechnungen der VN als auch die Prognosen des IHME beruhen auf diesem Ansatz. Welche Faktoren führen aber dazu, dass sich die Ergebnisse so stark unterscheiden?

1. Unterschiedliche Annahmen bei der Geburtenentwicklung

Am ausschlaggebendsten für die Unterschiede in den Ergebnissen der beiden Institutionen sind die Annahmen zur Geburtenentwicklung. Dies gilt sowohl für Länder, in denen Frauen momentan im Durchschnitt noch relativ viele Kinder bekommen, als auch für Länder mit niedrigeren Geburtenraten, in denen das Geburtenniveau unter 2,1 Kindern pro Frau gesunken ist. Das bedeutet zum Beispiel, dass die VN in den Jahren 2050 bis 55 mit einer durchschnittlichen Anzahl von 3,35 Kindern pro Frau in Nigeria und 1,70 in Deutschland rechnen. Das IHME geht währenddessen für 2052 in beiden Ländern von deutlich niedrigeren Werten aus: 2,74 (Nigeria) und 1,42 (Deutschland).

2. Zugang zu Bildung und Verhütung

Die Annahmen der VN über die Entwicklung von Geburtenraten beruhen auf Analysen vergangener Trends in einzelnen Ländern und weltweit, in Kombination mit dem Modell des demografischen Übergangs. Dieses beschreibt die Entwicklung von Ländern mit hoher Fertilität und Mortalität hin zu einer Situation mit niedriger Fertilität und Mortalität. Das IHME berücksichtigt zusätzlich das Bildungsniveau und die Verbreitung der Anwendung moderner Verhütungsmethoden. Grund ist der erwiesene Zusammenhang zwischen dem Geburtenniveau eines Landes und diesen beiden Aspekten.  Das Team am IHME geht davon aus, dass sich der in vielen Ländern beobachtete Zusammenhang zwischen Geburtenrückgang, Bildung und Verhütung auf andere Länder übertragen lässt. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass die dafür notwendigen Fortschritte beim Zugang zu Bildung und modernen Verhütungsmitteln nicht automatisch erfolgen, sondern auch politischen Willen und umfassende Investitionen erfordern.

 Bildung als zentraler Faktor

Traditionell werden die Annahmen für die zukünftige Entwicklung von Fertilität, Mortalität und Migration für einzelne Altersklassen und getrennt für Männer und Frauen getroffen (Ausnahme: Fertilitätsannahmen nur für Frauen). Das ist notwendig, da zum Beispiel Sterbewahrscheinlichkeiten mit dem Alter und zwischen Männern und Frauen variieren, was zu den beobachteten Unterschieden in der Lebenserwartung beider Geschlechter führt. Ein weiterer relevanter Faktor ist der Bildungsstand: So zeigt sich nicht nur ein deutlicher Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau und ihrem formalen Bildungsabschluss. Höhere Bildung geht auch mit besserer Gesundheit und einer längeren Lebenserwartung einher. Wenn man diese Zusammenhänge in der Vorausberechnung berücksichtigt, kann das einen signifikanten Effekt auf die absolute Bevölkerungsanzahl und die Altersverteilung haben. Das Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital in Wien erstellt regelmäßig Bevölkerungsvorausberechnungen nach Alter, Geschlecht und höchstem Bildungsstand für 201 Länder. Die Ergebnisse sind – was die globale Maximalbevölkerung als auch das Peak-Jahr betrifft – den Ergebnissen des Hauptszenarios des IHME recht ähnlich.

 

3. Unterschiedliche Datenquellen werden verwendet

Daten über vergangene und aktuelle Entwicklungen von Geburten, Sterbefällen und Wanderungen können aus nationalen und internationalen Datenquellen gewonnen werden. Nicht alle Länder der Welt verfügen über ein Personenstandswesen, sodass Daten oftmals auf Basis anderer Quellen, z.B. einem Zensus oder speziellen Erhebungen, geschätzt werden. Je nach Wahl der Datenquelle kann es sein, dass die VN und IHME unterschiedliche Anfangswerte für ihre Berechnungen verwenden. Zum Beispiel gehen die VN für den Zeitraum 2015 bis 2020 für Nigeria von einer durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau von 5,42 aus, das IHME von 5,11 (2017). Im Fall von Deutschland betragen die entsprechenden Werte 1,59 (VN) und 1,39 Kinder pro Frau (IHME).

4. Langfristige Vorausberechnungen sind unsicher

Je länger der Zeitraum der Vorausberechnung, desto größer wird die Unsicherheit bei den Annahmen für die drei demografischen Komponenten und bei den daraus resultierenden Ergebnissen. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, gibt es mehrere Möglichkeiten: So gibt es normalerweise mehrere Szenarien, die auf unterschiedlichen Annahmen beruhen, wobei eines der Szenarien als Hauptszenario und damit als wahrscheinlichstes Szenario gilt. Wenn konkrete zukünftige Werte z.B. für die Entwicklung der Lebenserwartung für jeden Zeitpunkt festgelegt werden, so spricht man von einer deterministischen Herangehensweise. Im Gegensatz hierzu steht ein so genanntes probabilistisches Vorgehen, bei dem es eine große Anzahl an möglichen zukünftigen Verläufen gibt, denen jeweils unterschiedliche Eintrittswahrscheinlichkeiten zugeordnet werden. Es ist auch möglich, Elemente beider Ansätze zu vermischen, was bei den Berechnungen der Hauptvariante der VN gemacht wird. Die Berechnungen des IHME beruhen auf einem durchweg probabilistischen Ansatz.

Medien vernachlässigen Bandbreite von Ergebnissen

Die Tatsache, dass die Ergebnisse jeder Vorausberechnung mit einer mehr oder weniger großen Unsicherheit verbunden sind, kommt in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit und politischen Akteuren oftmals zu kurz. Sowohl die VN als auch das IHME geben neben einem Wert für die Bevölkerungszahl im Jahr 2100 (VN: 10,9 Milliarden, IHME: 8,8 Milliarden) eine Bandbreite an, innerhalb der sich die zukünftige Weltbevölkerung mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit bewegt. Diese Bandbreite beträgt bei den VN 9,4 bis 12,7 Milliarden Menschen in 2100, bei IHME 6,8 bis 11,8 Milliarden Menschen. Insbesondere die extreme Spannbreite der IHME Prognosen verdeutlicht die große Unsicherheit bei langfristigen globalen Prognosen, welche in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch nicht ankommt.

 

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