Kenianische Schülerinnen sitzen vor einem Computerbildschirm
Mädchen in Nairobi (Kenia) bei einer Schulveranstaltung zu Sexualaufklärung und Verhütung, unterstützt von der Organisation Dance4Life. Foto: Jonathan Torgovnik

Jugendliche haben Anspruch auf umfassende und vorurteilsfreie Sexualaufklärung

Ann Starrs Blog, Frühe Aufklärung, Jugendliche 0 Comments

Es ist unbestritten, dass umfassende Sexualaufklärung im Leben von Jugendlichen wichtig ist. Immer mehr Regierungen haben sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts zu ihrer Verpflichtung bekannt, Aufklärungsangebote und Gesundheitsdienste für Jugendliche und junge Erwachsene bereitzustellen. Diese Fortschritte sind sehr ermutigend.

Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung zu haben ist von wesentlicher Bedeutung für die Gesundheit und das Wohlergehen junger Menschen, fördert ihr gesellschaftliches Engagement und die Nutzung ihres Potenzials. An der Schnittstelle von Bildung und Gesundheit spielt umfassende Sexualaufklärung (Comprehensive Sexuality Education, CSE) eine entscheidende Rolle für die Gesundheitssituation und die Gleichstellung der Geschlechter. Sie gibt jungen Menschen die Mittel an die Hand, die sie benötigen, um ein gesundes Leben und gesunde Beziehungen zu führen – jetzt und ein Leben lang.

Eine Frau erklärt in Nairobi, Kenia, wie ein Femidom funktioniert

Workshop zu Verhütungsmöglichkeiten in Kenia: das Femidom.
Foto: Jonathan Torgovnik

CSE-Programme, die sexuelle Aktivität im Jugendalter als normal anerkennen, sich für sicheres Sexualverhalten einsetzen und dabei die Menschenrechte, die Gleichstellung der Geschlechter und Empowerment in den Mittelpunkt stellen, haben Erfolg in den entscheidenden Bereichen. Sie fördern das Wissen, das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl der Jugendlichen und können Einstellungen sowie Geschlechter- und Sozialnormen positiv verändern. Zudem stärken diese Programme die Entscheidungs- und Kommunikationsfähigkeit der Teilnehmenden. Diese sind durch die Programme in der Lage, sich gegen ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten (Sexually Transmitted Infections, STIs) zu schützen. Diese lebenspraktischen Fähigkeiten sind Grundlagen für ein gesundes Leben, die den Jugendlichen sonst nicht vermittelt würden.

Doch es bleibt noch viel zu tun. Denn auch wenn die Regierungen der Welt sich auf regionaler und nationaler Ebene verpflichtet haben, Sexualerziehung auszubauen, wird dies in der Praxis nicht immer umgesetzt. In einer kürzlich durchgeführten Studie in vier Ländern (Kenia, Ghana, Peru und Guatemala) hat das Guttmacher Institut mit lokalen Forschungspartnern zusammengearbeitet, um die Umsetzung von CSE-Programmen in Schulen zu untersuchen. Wir haben Tausende Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer befragt, um herauszufinden, wie gut man dem Bedarf der Jugendlichen gerecht wird. In allen vier Ländern hatten weniger als zehn der befragten Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 17 Jahren über alle Themen etwas gelernt, die in den internationalen CSE-Standards genannt sind. Diese Themen lassen sich in fünf Kategorien unterteilen:

  • Geschlechts- und Fortpflanzungsorgane
  • Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten
  • Empfängnisverhütung und ungewollte Schwangerschaft
  • Werte und Sozialkompetenz
  • Geschlechterbeziehungen und sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte.

Unsere Sozialforscher stellten fest, dass es bei der Bereitstellung von Sexualerziehung unterschiedliche Muster gibt. In allen vier Ländern jedoch wurde am häufigsten über reproduktive Biologie und am wenigsten über Sozialkompetenz, Empfängnisverhütung und geschlechterspezifische Rechte unterrichtet. Die größte Diskrepanz zwischen dem, was die Schüler lernen wollten, und dem, was tatsächlich unterrichtet wurde, betraf das Thema Empfängnisverhütung und die dazugehörigen Kenntnisse – vor allem darüber, welche Verhütungsmittel es gibt, wo man sie bekommt und wie man sie benutzt. In Kenia hatten nur 13 Prozent der Befragten gelernt, wie man Empfängnisverhütung einsetzt, während 66 Prozent gern mehr darüber erfahren wollten.

Aufklärung nutzt mehr als Aufrufe zur Abstinenz

Junge Menschen haben Anspruch auf korrekte und umfassende Sexualaufklärung, doch häufig werden nur Abstinenz gelehrt und negative Botschaften vermittelt. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass Programme, die sich ausschließlich auf Abstinenz als Mittel zur Verhütung von Schwangerschaften und STI-Prävention konzentrieren, die sexuelle und reproduktive Gesundheitssituation von Jugendlichen nicht wirksam verbessern. Die Realität ist, dass viele Jugendliche bereits sexuell aktiv sind und deshalb die richtigen Informationen und Fähigkeiten benötigen, um sich und ihre Partner zu schützen. Idealerweise sollten sie über diese Informationen verfügen, bevor sie sexuell aktiv werden. Und in jedem Fall müssen Jugendliche wissenschaftlich korrekte Informationen erhalten. Unsere Studie ergab jedoch, dass in Ghana neun von zehn Lehrern in ihrem Unterricht behaupteten, dass Kondome nicht dafür geeignet sind, eine Schwangerschaft wirksam zu verhüten.

Aufklärungsunterricht in Nairobi, Kenia

Aufklärungsunterricht in Nairobi, Kenia.

Eine unzureichende Ausbildung der Lehrenden zu umfassender Sexualerziehung ist ein wesentliches Hindernis dafür, dass Jugendliche die benötigten Informationen erhalten. Wie kann man von einem Lehrer erwarten, dass er jungen Menschen erfolgreich sensible Themen vermittelt, wenn er keine Anleitung dafür erhalten hat? In Peru hatte weniger als die Hälfte der befragten Lehrerinnen und Lehrer eine entsprechende Schulung erhalten, bevor sie Sexualerziehung unterrichteten. Die fehlende Ausbildung und ein Mangel an Unterrichtsmaterialien, Ressourcen und Zeit wurden als Hindernisse für die effektive Umsetzung von CSE in allen vier untersuchten Ländern sehr häufig genannt.

Die gute Nachricht ist, dass unsere Sozialforscher in allen vier Ländern bei den Schülerinnen und Schülern, den Lehrerinnen und Lehrern und der Schulleitung auf überwältigenden Zuspruch für CSE trafen. Dies weist darauf hin, dass sowohl ein Bedarf an umfassender Sexualerklärung als auch das Interesse daran vorhanden sind.

In starke CSE-Programme zu investieren und sie hoch auf der Agenda anzusiedeln ist eine Win-Win-Situation für jedes Land, das eine Verbesserung der Gesundheitssituation, Bildungserfolg und Gleichberechtigung anstrebt. Die Regierungen sollten in landesweite Programme für umfassende Sexualaufklärung investieren, die auch Schulungen für Pädagogen und Monitoringsysteme zur Überwachung der Umsetzung beinhalten, um die Wirksamkeit sicherzustellen. Erfolgreiche CSE-Programme vermitteln Jugendlichen die Informationen, die sie benötigen, um informierte Entscheidungen zu treffen und sich zu schützen. So werden inklusive Gesellschaften gefördert, ungewollte Schwangerschaften und Infektionen mit HIV und sexuell übertragbaren Krankheiten vermieden und junge Menschen in die Lage versetzt, ein gesundes und erfülltes Leben zu leben. Kurz gesagt: Umfassende Sexualerziehung ist einfach gute Politik.

Dieser Meinungsartikel ist im englischen Original am 11. August 2017 auf dem Medienportal Devex erschienen.

Zur Autorin: Ann Starrs ist Vorsitzende und Geschäftsführerin des US-amerikanischen Guttmacher Instituts, das weltweit in den Bereichen sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte arbeitet. Ann Starrs ist Expertin für Reproduktions- und Müttergesundheit und setzt sich seit fast 30 Jahren für die Gesundheit und Rechte von Mädchen und Frauen ein.

Titelbild "Sexualaufklärung in Kenia", Guttmacher Institut

Hier können sie die deutsche Übersetzung des Guttmacher Infoblatts „Sexualaufklärung in Kenia: neue Daten aus drei Bezirken“ herunterladen.

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