Müll sammeln, Wäsche waschen, Kaffee kochen. Und das hilft? (Reisebericht Teil 3)

Denny Ehrlich Allgemein, Blog, Projektberichte 0 Comments

Frauen betreiben eine Wäscherei, andere Frauen ein Café, wieder andere einen Müllabfuhrservice. Was soll daran denn toll sein? Einfach alles! Denn in einer männerdominierten Gesellschaft sind kleine Betriebe, die komplett von Frauen geleitet werden, eine wahre Seltenheit. Die Projekte der Stiftung Weltbevölkerung bieten den Frauen die Möglichkeit, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

 

Die Arbeit der „Müllfrauen“ 

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Knut Gerschau begrüßt die Frauen auf Amharisch

Wir fahren in eine Art Vorstadtsiedlung. Die Mauern sind hoch gebaut, hinter den schweren Metalltüren sind drei kleine Häuschen, die den Frauen als Arbeits- und Wohnort dienen. Etwa zehn Frauen heißen uns willkommen. Zur Begrüßung gibt es wie immer Popcorn, Weißbrot und natürlich Kaffee. Von unserer Seite, auch fast schon traditionell, eine Willkommensrede unseres Vorstandsmitglieds Knut Gerschau auf Amharisch.

Die Frauen erzählen uns, wie ihr Müllabfuhrsystem funktioniert: Jeden Tag fahren sie in der Umgebung mit einem Eselskarren durch die Gemeinden und sammeln die Müllsäcke ein, die von den Bewohnern vor die Häuser gelegt werden. Eine Frau steht dabei auf dem Anhänger und „lenkt“ das Pferd, andere Mitarbeiterinnen gehen mit und schmeißen die Müllsäcke auf den Anhänger. Wenn der Anhänger voll ist, wird der Müll zur örtlichen Deponie gefahren.

Das Geschäft der Frauengruppe löst so gleich mehrere Probleme: Die Menschen mussten früher ihren Müll immer selbst zur häufig weit entlegenen Deponie bringen. Wenn das nicht möglich war, weil Zeit, Lust oder Kraft fehlte, wurde der Müll von den Leuten einfach irgendwo in der Natur entsorgt – mit gravierenden Folgen für die Umwelt. Die „Müllfrauen“ schließen eine Lücke, die die Regierung offen lässt. In Addis Abeba sieht man zwar hin und wieder einen Müllwagen, doch in den ländlicheren Gebieten werden die Menschen mit ihrem Müll meistens allein gelassen. Doch im Umland von Debre Zeyit bezahlen die Anwohner den Frauen einen kleinen Betrag und müssen ihren Müll lediglich vor die Haustür stellen. So in der Art kenne ich das aus Hannover auch – nur ohne Pferdekutsche.

Der stehende Ritt bedarf einer großen Balance

Der stehende Ritt bedarf einer großen Balance

Die Frauen verdienen jeweils etwa 50 US-Dollar pro Monat. Ein ordentliches Gehalt in Äthiopien. Nicht alle kümmern sich dabei um die Mülllieferung an sich. Wie in einem typisch kleinständischen Unternehmen übernehmen alle verschiedene Aufgaben. Wer nicht Müll sammelt, kümmert sich um die Finanzen, plant die Touren oder leitet das Geschäft.

Vorher haben die Frauen viel weniger oder auch gar nichts verdient – und waren so immer auf die Männer angewiesen. Das sind sie heute nicht mehr. Und das gibt ihnen die nötige Freiheit im Leben.

Sichtlich beeindruckt verabschieden wir die „Müllfrauen“ und machen uns keine Sorgen über ihre Zukunft. Denn selbst wenn einmal ein staatliches Unternehmen die Müllabfuhr übernimmt, sind sie es auch, die in diesem Berufszweig die meiste Erfahrung mitbringen und wohl auch dort die ersten Ansprechpartnerinnen für eine Anstellung wären. Und wenn nicht, haben sie sich durch das Geschäft eine unschätzbare Berufsqualifikation erworben, die ihnen später weiterhelfen wird.

Meine Wäsche lass ich waschen!

Eine Übernahme durch den Staat muss eine andere Frauengruppe in der Innenstadt von Debte Zeyit nicht fürchten. Sie haben sich nämlich mit Hilfe der Stiftung Weltbevölkerung den Wunsch nach einer Wäscherei erfüllt. In Deutschland verbinde ich Wäschereien mit großen, aneinandergereihten Industriemaschinen, die ich mit Münzen füttern muss. Mitarbeiter finde ich dort in der Regel keine, dafür aber umso mehr Studenten und Singles – und Menschen, die sich mal wieder Zeit für ein gutes Buch nehmen.

Die Wäscherei in Debre Zeyit ist da schon etwas anderes. Hier geben die Menschen aus Debre Zeyit ihre Wäsche ab, hier wird sie von der Frauengruppe in Maschinen gewaschen und später getrocknet. Zum Verweilen und Buch lesen lädt dieser recht dunkle Ort nicht ein, der Strom wird für die Maschinen und nicht für die Lampen gebraucht. Wer hier seine Wäsche hinbringt? Mit Sicherheit auch Studenten und Singles – aber vor allem die Vielzahl an Menschen, die sich keine Waschmaschine leisten können. Die Maschinen sind teuer, das Wasser ist sehr teuer. Die meisten Kunden waren zuvor darauf angewiesen, ihre Wäsche mit der Hand zu waschen. Bei einer mehrköpfigen Familie konnte das für viele Frauen schon mal eine tagesfüllende Angelegenheit werden. Nun übernehmen die Mitarbeiterinnen und ihre Maschinen in der Wäscherei diesen Job.

Sie helfen damit nicht nur sich selbst mit einem existenzsichernden Einkommen, sondern verschaffen mit ihrer Tätigkeit auch anderen Frauen wertvolle Zeit. Zeit für einen eigenen Beruf, für eine Ausbildung. Zeit zum Durchatmen. Zeit, die sie sonst mit Wäsche waschen verbracht hätten.

 

Coffee to come

Unseren Besuch der Frauengruppen in Debre Zeyit beenden wir in einem Café. Auch hier hat sich eine Gruppe von etwa acht Frauen selbstständig gemacht und sorgt nun in der Umgebung für das leibliche Wohl. Die bunte Verkleidung und der etwas größere Eingang bringen zwar ein wenig Helligkeit ins Café, dennoch ist es auch hier recht dunkel. Und auch hier wird der Strom für etwas anderes gebraucht als Licht. Denn an dem einzigen Kabel in der kleinen Hütte hängt ein

Die Mitarbeiterinnen vom Café haben große Pläne

Die Mitarbeiterinnen vom Café haben große Pläne

moderner Kühlschrank, mit dem die Frauen ihr Geschäft in Schwung gebracht haben. Hier können sie Getränke kalt stellen und eine größere Variation an Speisen anbieten, wenn zur Mittagszeit die arbeitende Bevölkerung aus der Siedlung bei ihnen eintrifft. Und: Seit nicht allzu langer Zeit bieten die Frauen auch einen Lieferservice an. Besonders die Mitarbeiter der äthiopischen Luftwaffe bestellen hier gern, ihr Stützpunkt liegt nur etwa einen Kilometer weit entfernt. Das Café läuft gut, in naher Zukunft soll noch ein zweiter Kühlschrank her, denn der erste stößt langsam an seine Kapazitätsgrenze.

Auf dem Weg ins Café: Stiftungsgründer Dirk Roßmann

Auf dem Weg ins Café: Stiftungsgründer Dirk Roßmann

Einen Kaffee haben wir hier nicht mehr trinken können. Wir alle fühlten uns schon recht koffeiniert, zumal der äthiopische Kaffee nicht gerade in die Kategorie „Blümchenkaffee“ einzuordnen ist. Nach vielen Umarmungen führt uns unser Weg wieder zurück nach Addis Abeba. Nach den Begegnungen war allen Beteiligten klar, warum sich die Stiftung Weltbevölkerung nicht mehr nur auf Sexualaufklärung und Verhütung konzentriert. Denn der Pfad zur körperlichen und sexuellen Freiheit der Frau führt auch über ihre ökonomische Freiheit.

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