Gruppendiskussion beim Faith to Action Workshop in Uganda
Auf einem Workshop des Faith to Action-Projekts in Mukono, Uganda, präsentieren Teilnehmer die Ergebnisse einer Gruppenarbeit.

Religion und Verhütung: Die Vielfalt zu eigen machen

Deutsche Stiftung Weltbevölkerung Blog, Frühe Aufklärung, Jugendliche, Projektberichte, Weibliche Genitalverstümmelung 0 Comments

Autor: Christoph Behrends

Wer streng gläubig ist, lehnt Aufklärung und Verhütung grundsätzlich ab. Dieser Zusammenhang ist ein Trugschluss, erklärt Angela Mutegi in unserem Interview. Sie koordiniert die Kommunikation des Faith to Action-Projekts, bei dem sich Glaubensgemeinschaften für die Aufklärung von Jugendlichen einsetzen. Die DSW ist dessen aktiver Partner.

Angela, inwiefern unterscheidet sich die Ansprache von religiösen zu nichtreligiösen Menschen bei Themen wie Gesundheit und Familienplanung?
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Angela Mutegi

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch an etwas glaubt, auch wenn es keine Religion ist und er nicht in die Kirche geht. Damit haben alle Menschen etwas gemeinsam. Lange Zeit wurden die Ansichten von Glaubensgemeinschaften und religiösen Führern zu Fragen von Aufklärung, Gesundheit und Familienplanung nicht oder kaum berücksichtigt. Oft wurden sie von einer weltlichen Geisteshaltung überschattet, bei der Glaube als ein Phänomen der Vergangenheit gilt.

Glaubensgemeinschaften haben aber vielerorts einen großen Einfluss. Wir brauchen daher einen Paradigmenwechsel, bei dem wir Gläubige als Partner begreifen und ihren Beitrag wertschätzen. Schon heute sehen wir im Faith to Action-Projekt, dass viele Glaubensgemeinschaften sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte unterstützen.

Und was ist das Besondere an Faith to Action?

Das Besondere an dem Projekt ist, dass wir religiöse Organisationen ansprechen, deren Ansicht zu Fragen der Gesundheit, Verhütung und Aufklärung bisher kaum gehört wurden. Wir setzen uns dafür ein, dass ihre Perspektiven aufgegriffen werden und ihr Einfluss auf diese Belange sichtbar wird.

Wie sieht die Arbeit im Rahmen des Faith to Action-Projekts aus?

In meinem Alltag kommuniziere ich mit den Mitgliedern, mache sichtbar, welchen Beitrag konfessionelle Organisationen zur Gesundheit von Familien leisten, und kümmere mich darum, dass innerhalb unserer Plattform Organisationen mit den unterschiedlichsten Glaubenstraditionen ihre Herausforderungen benennen und teilen können.

Stehen traditionell gesinnte Menschen nicht Sexualaufklärung und Verhütung grundsätzlich skeptisch gegenüber?

Das hängt davon ab, was man unter „traditionell“ versteht. Klar, es gibt unterschiedliche Auffassungen davon, wie mit Themen wie Sexualaufklärung und Verhütung umgegangen werden sollte. Das reicht von Fragen der Semantik bis zu Glaubenssystemen, die von der Schule des Denkens abhängen. Dabei spielen zum Beispiel Kultur, Bildung und Religion eine Rolle. Aber die Auffassung einer einzelnen Person zur Sexualaufklärung ist als solche einzigartig.

Ich glaube fest daran, dass eine mangelnde Bereitschaft, etwas zu verändern, mit sozialer Konstruktion zu tun hat. Und die hängt wiederum von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Religiöse Führer und Glaubensgemeinschaften sind dazu in der Lage, auch sehr konservative Gruppen zu erreichen und dort die Basis für Grundrechte zu legen – also auch für das Recht auf reproduktive Gesundheit.

Wo liegen die Herausforderungen bei der Arbeit mit religiösen Organisationen?

Wir haben mit unterschiedlichen Glaubenstraditionen zu tun. Selbst innerhalb eines Glaubens gibt es unterschiedliche Ideen und Wertvorstellungen, Überzeugungen und Traditionen. Als konfessionsübergreifendes Netzwerk lassen wir diese divergierenden Ideen zu und bieten eine Plattform, von der sie der Öffentlichkeit und Entscheidungsträgern vermittelt werden. Es versteht sich von selbst, dass dies eine heikle Aufgabe ist, die viel Feingefühl erfordert.

Bringt das denn etwas?

Ja, das Projekt hat einen guten Einfluss auf die Gemeinden, in denen unsere Mitglieder aktiv sind. Und es hat dort zu einem Wandel geführt. Im Leben der Menschen hat sich etwas verändert. Zum Beispiel schrieb mir kürzlich ein ghanaischer Kollege, dass er nach einem unserer Trainings in Addis Abeba auf religiöse Führer zuging. Zunächst hatten die das Gefühl, dass sie mit Aufklärung und Gesundheit gar nichts zu tun hätten. Doch nach einer Reihe von Treffen erkannten sie, dass Themen wie Gesundheit, Aufklärung und Familienplanung wichtig sind und dass sie etwas zum Wohlergehen der Menschen beitragen können – vor allem, dass sich die Situation für Jugendliche dadurch verbessert. Dank ihres Einflusses konnten sie viele Eltern überzeugen, und immer mehr Jugendliche wurden erreicht. In Nalerigu im Norden Ghanas gibt es seitdem mehrere Klubs zu reproduktiver Gesundheit, die Kirchen und Moscheen angeschlossen sind – mit steigenden Mitgliederzahlen.


Über Faith to Action

Das Faith to Action-Projekt hat zum Ziel, Glaubensgemeinschaften in die Aufklärung von Jugendlichen einzubeziehen. Neben der Stiftung Weltbevölkerung sind mehr als 250 verschiedene Entwicklungs- und Glaubensorganisationen und wissenschaftliche Einrichtungen daran beteiligt. Im Rahmen des Projekts entstand ein wachsendes globales, interreligiöses Netzwerk, das den Beteiligten zum Austausch und zur politischen Arbeit dient. Das Netzwerk wurde im Jahr 2011 in Nairobi gestartet. Sein geographischer Schwerpunkt liegt auf Äthiopien, Burundi, Ghana, Kenia, Ruanda und Uganda.

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