Bild zeigt Vorsitzende von pro familia, Daphne Hahn und Länderbüroleiter Kenia der Stiftung Weltbevölkerung, George Kamau. Dazu Aufklärungsbroschüren, Kondompackungen und Kenianische Frauen bei der Sexualaufklärung Foto unten Mitte von Jonathan Torgovnik.
Links: Die Vorsitzende von pro familia, Daphne Hahn Rechts: Länderbüroleiter Kenia der Stiftung Weltbevölkerung, George Kamau. Oben Mitte: Aufklärungsbroschüren von pro familia Unten Mitte: Kenianische Frauen in einem Jugendklub der Stiftung Weltbevölkerung bei der Sexualaufklärung Foto unten Mitte: Jonathan Torgovnik

“Gewalt und Druckausübung sind ein No-Go” – Sexualaufklärung in Deutschland und Kenia

Denny Ehrlich Blog, Frühe Aufklärung, Jugendliche 0 Comments

Wie findet Sexualaufklärung in Deutschland und in Kenia statt? Wie stehen Eltern, Schulen und die Religion in beiden Ländern zum Thema Sex und Verhütung. Wir haben mit der Vorsitzenden der deutschen pro familia, Daphne Hahn und dem Länderbüroleiter der Stiftung Weltbevölkerung in Kenia, George Kamau gesprochen und festgestellt: In manchen Dingen sind sich beide Länder gar nicht so unähnlich. 

Ab wann spielt das Thema Sexualität für die Jugendlichen denn eine Rolle… und wer übernimmt die Rolle der Sexualaufklärung? Schule, Eltern oder doch mittlerweile das Internet oder Zeitschriften wie Bravo?

Daphne Hahn: Sexualität gehört zum Menschen, von der Geburt bis zum Tod, insofern spielt sie immer „eine Rolle“. Die eigene Sexualität selbstbestimmt zu leben, ist ein Recht aller Menschen. Für die Sexualaufklärung, die an das Alter angepasst sein muss, ist nach unserer Meinung die ganze Gesellschaft zuständig – also auch die Schulen, die Jugendarbeit und die medizinischen Einrichtungen, Kirchen und natürlich an erster Stelle: die Eltern. Je offener und freundlicher, rechtebasierter mit Sexualität umgegangen wird, umso besser ist es.

Natürlich spielt das Internet (oder Zeitschriften) eine große Rolle! Sie bieten viele Informationen und Bilder und auch Möglichkeiten, Fragen zu stellen. Wichtig ist dabei die Qualität. Da das Internet offen und nicht fachlich reguliert ist, ist es umso wichtiger, selbst gute Internetangebote zu machen. Dafür braucht man finanzielle Unterstützung und fachliche Prüfungen. Wir bilden unsere MitarbeiterInnen ständig weiter.

George Kamau:In Kenia und generell in Afrika wird das Thema Sexualität bisher nicht besonders offen diskutiert. Vor allem in bestimmten Altersgruppen. Unter den Jugendlichen wird Sex zum „heißen“ Thema wenn die Jugendlichen in die Pubertät kommen. Also so ab zehn Jahren. Mit 16 möchten sie alles erforschen, was mit Sexualität zu tun hat.

Bei uns werden die jungen Leute meistens von Jugendberatern aufgeklärt, doch auch Smartphones und das Internet werden immer wichtiger. In vielen Gegenden glauben die Eltern, dass die Schulen die Sexualaufklärung übernehmen. Doch in den Schulen wird nur ein bisschen über die menschliche Biologie gesprochen, weil sich die religiösen Gruppen häufig gegen Sexualaufklärung in den Schulen aussprechen. Sie denken das führe zu sexueller Freizügigkeit. Deswegen brauchen die jungen Schüler hier auch die älteren Jugendlichen, das Internet, Filme oder Organisationen wie uns.”

Wie viel wissen die Jugendlichen über das Thema HIV?

Daphne Hahn: Die Kampagnen der Bundeszentrale für gesellschaftliche Aufklärung und der Aidshilfen sind sehr gut und tragen Früchte, denn das Wissen und das Interesse an dem Thema sind in der allgemeinen Bevölkerung auf hohem Niveau, besonders bei Jugendlichen.

Andererseits braucht man oft Entscheidungshilfen, Ruhe und Gespräche, um Entscheidungen zu treffen, selbst wenn man glaubt, schon alles zu wissen. Ein Beispiel: Wenn ein junges Mädchen feststellt, dass ihr Freund drogenabhängig ist, wird sie plötzlich ganz andere Fragen zu HIV und Aids haben als Jugendliche, die keinen Kontakt zu Menschen aus Risikogruppen haben. Auch wenn beide vorher glaubten, gut informiert zu sein. Es ist deshalb wichtig, immer weiter zu machen mit den Aufklärungs- und Beratungsangeboten und sie weiterzuentwickeln.

George Kamau: Bis HIV und Aids in Kenia 1999 zur nationalen Katastrophe erklärt wurde, sprach man darüber bei uns nur hinter vorgehaltener Hand. In dieser Zeit machten auch viele, viele Mythen die Runde und viele hielten es für Hexerei oder einen Fluch. Doch seit 1999 hat die Regierung große Kampagnen gestartet und einige öffentliche Einrichtungen ins Leben gerufen, um gezielt gegen HIV und Aids vorzugehen und um die Spenden von außen zu bündeln. Auch wir als Stiftung Weltbevölkerung haben uns damals stärker auf die Bekämpfung von HIV und Aids konzentriert und arbeiten auch mit der kenianischen Dachorganisation, der KANCO (Kenya AIDS NGOs Consortium), zusammen. Die Neuinfektionsrate ist bis 2012 auch von 7,2% auf 5,6% gefallen.

Glücklicherweise ist das Wissen über den Virus und die Ansteckung unter den Jugendlichen durch diese Kampagnen ziemlich gut – doch häufig fehlt es schlichtweg an Kondomen oder an Tests, um den eigenen Status zu überprüfen.

In welchen Situationen suchen sich Jugendliche professionelle Beratung bei euch und wie helft ihr ihnen am besten?

Daphne Hahn: Im Zentrum unserer Arbeit steht die sexualpädagogische Arbeit an den Schulen. Da geht es um Liebe, Freundschaft, das Sprechen über die eigenen Bedürfnisse, Verhütungsmittel…  Je nachdem wie alt die Kinder sind und was die Schule und die Eltern wünschen. Die Angebote müssen bekannt sein und einen guten Ruf haben. Dafür tun wir viel. Wir kooperieren mit Schulen und Schulsozialarbeit. Oft sind es die älteren Geschwister oder auch die Eltern, die schon Kontakt mit pro familia hatten und uns dann empfohlen haben. So erreichen wir jährlich etwa 280.000 Jugendliche face to face.

Viele Jugendliche kommen zu uns, weil sie wissen wollen, wie man richtig verhütet, wie man zum Beispiel mit dem Kondom umgeht. Es gibt Angebote wie den Kurs zum „Kondomführerschein“. Junge Frauen kommen auch, weil die Angst, haben schwanger zu sein. Es gibt Mythen, die sich trotz aller Aufklärung halten: Zum Beispiel kann ich vom Küssen schwanger werden oder mich mit Aids anstecken. Das kann Jugendliche und Kinder sehr beschäftigten. Oft stecken hinter solchen Ängsten auch andere Konflikte, zum Beispiel mit den Eltern, und Gewalterfahrungen.

Unsere Beratungsstellen bieten auch Schwangerschaftstests an und unterstützen junge Frauen bei ihrer Entscheidung, ein Kind zu bekommen oder nicht. Vieles nehmen wir in unserem Land als selbstverständlich wie zum Beispiel die medizinische Begleitung der Schwangeren – und das ist gut so. Das ist ihr Recht und alle sollten diese Rechte bekommen. Auch Flüchtlinge und Menschen ohne Krankenversicherung und Aufenthaltspapiere.

George Kamau: Unser Angebot ist ganz ähnlich, findet in der Form aber eher in den Jugendklubs statt. Von uns bekommen die Jugendlichen vor allem Wissen zu Aufklärung, Verhütung, Aids und auch viele nützliche Dinge, die für das Erwachsenwerden wichtig sind. Außerdem bekommen sie bei uns Kondome und wir können sie auch an Gesundheitsstationen überweisen. Der Bedarf ist groß. Deswegen versuchen wir, mehr und mehr Jugendberater auszubilden und mit unserem Youth-Truck auch entlegene Gebiete zu erreichen.

Wie schätzt ihr die derzeitige Aufklärungsleistung der Schulen ein?

Daphne Hahn: Es gibt viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Grundsätzlich scheint die Qualität des Unterrichts bundesweit sehr unterschiedlich zu sein. Das liegt auch daran, dass Bildung Ländersache ist. Das Saarland zum Beispiel hat sehr gute, neue Richtlinien für die Schulen zur Sexualaufklärung vereinbart. In Baden-Württemberg konnten wir jüngst sehen, wie umstritten die Sexualaufklärung werden kann und wie wichtig es ist, den demokratischen Konsens zu suchen.

Um die Aufklärungsleistung der Schulen genau einschätzen zu können, fehlt es an aktuellen wissenschaftlichen Erhebungen. Aber die Richtung stimmt: Die Jugendschwangerschaften in Deutschland sind so gering wie in kaum einem anderen Land der Welt. Jugendliche sind sexuell aktiv, aber werden nicht ungewollt schwanger. Das Wissen über Verhütungsmittel und das Verhütungsverhalten ist insgesamt sehr gut. Auch bei jungen Menschen. Gewalt und Druckausübung sind ein no go – das sind die akzeptierten großen Linien in der Sexualaufklärung. Hieran haben die Schulen einen großen Anteil.

George Kamau: In der Schule lernen die Schüler, wie Babys entstehen. Der Rest steht nicht auf dem Lehrplan. Viel wickelt sich aber über Schulklubs ab, die von den Schülern organisiert werden. Doch das geschieht häufig erst, wenn die Schüler schon ein wenig älter sind. Die jüngeren Schüler haben dann das Nachsehen. Das drückt sich dann auch in den hohen Zahlen ungewollter Schwangerschaften, besonders unter den Teenagern aus. Kenia hat hier noch einen weiten Weg zu gehen.

Was sollten Eltern in Zukunft stärker berücksichtigen?

Daphne Hahn: Die Eltern machen ihre Aufgabe gut. Wir sind eine Gesellschaft mit Eltern, die grundsätzlich offen für die sexuellen Fragen ihrer Kinder sind, und sie sind die wichtigsten Ansprechpartner ihrer Kinder. Das zeigen die Untersuchungen. Wir engagieren uns auch dafür, dass wir Unterstützung für die Eltern bekommen. Auf diesen Gebieten würden wir sehr gerne noch mehr tun. Wir würden gerne mehr mit Eltern arbeiten, die verunsichert sind, sich vielleicht um ihre Kinder sorgen. Oft ist das der Fall bei Eltern, die migriert sind. Hier fehlen uns allerdings die Ressourcen.

George Kamau: In Kenia sollten die Eltern proaktiver in Bezug auf die Sexualität sein. Wenn sie die jungen Leute in einem „Informationsvakuum“ lassen, kann das schlimm enden. Denn die Jugendlichen tun natürlich alles, um dieses Vakuum zu füllen. Und dann bekommen sie häufig Informationen, die ihnen eher schaden als nützen.

Welche Rolle spielt Religion? 

Daphne Hahn: In allen großen Religionen gibt es Menschen, die für die Selbstbestimmung sind, und andere, die doktrinär gegen die Selbstbestimmung sind. In den vergangenen Jahren hatten wir zum Beispiel viele Auseinandersetzungen mit Abtreibungsgegnern, die sich auf angebliche christliche Dogmen beziehen und auch gegen Sexualaufklärung sind. Wir werden aber auch von vielen anderen Christen in unserer Arbeit unterstützt. Bei Muslimen ist das nicht anders. Die Religion steht dabei nicht im Vordergrund, auch wenn anti-choice Gruppen dies vorschieben. Das ist dann Teil der Politisierung von Religionen, gegen die wir uns wenden. Armut, Gewalt, Krieg und geringe Partizipationschancen sehen wir allerdings als ein großes Risiko für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte.

George Kamau: Ohne die religiösen Einrichtungen geht nichts in Kenia. Die Gesellschaft nimmt sich zu Herzen, was ihre religiösen Führer ihnen propagieren. Sie müssen damit zwingend eine aktive und positive Rolle bei der Ausprägung der Sexualität von jungen Menschen einnehmen, denn sie tragen hier eine sehr große Verantwortung.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Daphne Hahn: In Europa brauchen wir den politischen Konsens für offene Sexualaufklärung und Angebote für Jugendliche. Es gibt zu viele Länder, in denen Kinder und Jugendliche keine Zugänge zu Sexualaufklärung haben. Sie sind dann ausschließlich auf das freie Internet angewiesen und haben keine qualitätsgeprüften Angebote. Das europäische Gefälle ist hier sehr groß.

George Kamau: Jungen Menschen sollte die Chance gegeben werden, eine bewusste Entscheidung im Leben zu treffen. Das kann nur klappen, wenn wir ihnen die Informationen für diese bewussten Entscheidungen geben und sie mit den Fähigkeiten ausstatten, das Leben zu meistern.


Über pro familia

pro familia ist der führende Verband zu Sexualität und Partnerschaft in Deutschland. pro familia unterhält ein bundesweites Beratungsnetzwerk und informiert mit einem vielfältigen Publikationsangebot die Öffentlichkeit. Der pro familia Bundesverband wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert.

Über die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung in Kenia

In Kenia hat die DSW bereits im Jahr 1992 ein erstes Projekt zur freiwilligen Familienplanung durchgeführt.  Im Jahr 2000 hat die Stiftung dann ein eigenes Länderbüro eröffnet, durch das mittlerweile eine Vielzahl von Jugend-, Familienplanungs-, und Gesundheitsprojekte umgesetzt und gesteuert werden.

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