DSW: „In Zeiten von Covid-19 haben junge Mädchen und Frauen ein deutlich höheres Risiko an ihren Genitalien verstümmelt und früh verheiratet zu werden.“

Hannover, 5. Februar 2021. Über 200 Millionen Frauen weltweit sind von Genitalverstümmelung betroffen (s. Grafik 1/ Grafik 2) Laut des aktuellen Weltbevölkerungsberichtes des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) könnte die Zahl der Mädchen und Frauen, die jährlich an ihren Genitalien verstümmelt werden, von 4,1 Millionen in 2020 auf 4,6 Millionen in 2030 ansteigen. Die Corona-Pandemie verschärft das Problem, da schädliche Praktiken wie Genitalverstümmelung und Frühverheiratung gerade in Krisenzeiten zunehmen. Darauf macht die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) anlässlich des Internationalen Tages gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar aufmerksam.

Corona-Pandemie verschärft das Problem

„In Zeiten von Covid-19 haben Mädchen und Frauen ein deutlich höheres Risiko an ihren Genitalien verstümmelt und früh verheiratet zu werden“, erklärt Jan Kreutzberg, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW). Erfahrungsberichte aus Ostafrika belegen, dass Lockdown und Schulschließungen während der Pandemie dazu führten, dass viele Mädchen zu Hause blieben und der Genitalverstümmelung in ihren Gemeinschaften ausgesetzt waren. Denn diese Praxis wird dort oftmals als Voraussetzung für die Heirat oder als Übergangsritus zum Erwachsenenalter angesehen. Mädchen, die das grausame Ritual nicht durchleben mussten, werden von der Gemeinschaft häufig als nicht heiratsfähig angesehen.

Der Widerstand wächst

Nach UNFPA-Angaben geht der Anteil der von Genitalverstümmelung betroffenen Mädchen und Frauen zwar insgesamt zurück, doch die absolute Zahl der Mädchen und Frauen, die dieser Praxis unterworfen werden, nimmt aufgrund des Bevölkerungswachstums zu. „Weltweit wächst der Widerstand unter jungen Frauen und Männern gegen diese Praktik, dennoch steigen die Zahlen weiter. Gerade in Zeiten von Covid-19 müssen noch sehr viel größere Anstrengungen zur Abschaffung dieser Praxis unternommen werden,” sagt Jan Kreutzberg (s. Grafik 3). In den letzten Jahren wurden enorme Fortschritte dabei erzielt, weibliche Genitalverstümmelung und Frühverheiratung zu beenden. Weil entsprechende Dienste und Programme durch Kontaktbeschränkungen nur begrenzt zugänglich sind, drohen aktuell Rückschritte durch die Corona-Krise.

Lebenslange Folgen

„Schädliche Praktiken, wie zum Beispiel weibliche Genitalverstümmelung oder Frühverheiratung, sind der Ausdruck davon, dass Mädchen und Frauen nicht frei über ihre Körper und ihr Leben entscheiden können. Es ist unerlässlich, dass insbesondere in den am meisten betroffenen Ländern offen über die Auswirkungen dieser Praktiken gesprochen wird und Aufklärung stattfindet. Es muss ein viel stärkeres Bewusstsein dafür geschaffen, wie lebensbedrohlich und traumatisierend es für Mädchen und junge Frauen ist. Nur wenn der Mantel des Schweigens durchbrochen wird, können patriarchalische Strukturen aufgebrochen werden,” sagt Kreutzberg. Zu den kurzfristigen Folgen von Genitalverstümmelung gehören heftige Schmerzen, starker Blutverlust, Infektionen und Tod. Viele Betroffene leiden lebenslang unter Traumata, psychischen Problemen, Einschränkungen des sexuellen Empfindens, Unfruchtbarkeit, Komplikationen bei Geburten und haben ein erhöhtes Risiko für Totgeburten (s. Grafik 4).

Geschlechtergerechtigkeit fördern

Neben der Aufklärung über die grausamen Auswirkungen dieser Praktik müssen Mädchen darin unterstützt werden, Schulen bis zum Abschluss zu besuchen statt früh verheiratet zu werden. So werden die Chancen von Mädchen erhöht, als Erwachsene ein eigenes Einkommen erwirtschaften und selbstbestimmt leben zu können.

„Jugendklubs, wie die DSW sie in ihren ostafrikanischen Partnerländern betreibt, leisten einen wertvollen Beitrag zur Veränderung von Geschlechternormen. Sie stärken das Selbstvertrauen junger Menschen und unterstützen vor allem Mädchen auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben”, sagt Kreutzberg. Zudem setzt sich die DSW dafür ein, neben den jungen Menschen möglichst alle Beteiligten so zu stärken, dass sie sich aktiv für Geschlechtergerechtigkeit und gegen schädliche Praktiken einsetzen können. Dazu gehören politische Entscheidungsträger*innen, religiöse Führer, Lehrkräfte ebenso wie die Überlebenden und Gefährdeten selbst.

Nachhaltige Entwicklungsziele erreichen

Die Weltgemeinschaft hat sich mit den nachhaltigen Entwicklungszielen vorgenommen, bis 2030 Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Die Zielvorgabe 5.3 der Agenda 2030 beinhaltet die Beseitigung aller schädlichen Praktiken. Dazu zählen auch Genitalverstümmelung und Frühverheiratung bei Frauen und Mädchen.

Über die DSW

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) ist eine international tätige Entwicklungsorganisation. Unser Ziel ist es, zu einer zukunftsfähigen Bevölkerungsentwicklung beizutragen. Wir engagieren uns für die Umsetzung des Menschenrechts auf Familienplanung. Insbesondere unterstützen wir junge Menschen in Ostafrika dabei, selbstbestimmte Entscheidungen über ihre Sexualität und Verhütung zu treffen. Gleichzeitig bringen wir uns auf nationaler und internationaler Ebene in politische Entscheidungsprozesse in den Bereichen Gesundheit, Familienplanung und Gleichstellung der Geschlechter ein.

Bilder und Grafiken

  • Bild : Ehem. Beschneiderin_West Pokot-Kenia_Brian Otieno-DSW

    Vorschlag Bildunterschrift:
    Eine ehemalige Beschneiderin aus West Pokot (Kenia) erzählt: „Ich habe weibliche Genitalverstümmelung in der Gemeinde praktiziert, weil es eine Kultur ist und ich es von meinen Eltern geerbt habe. Ich hörte mit der Praxis auf, weil es eine Aufklärungskampagne in der Gemeinde gab. Ich habe viele junge Mädchen gesehen, die aufgrund der Komplikationen verblutet sind, vor allem während der Geburt. Diese Praxis sollte aufhören, denn es ist gegen das Gesetz, es führt zum Tod von so vielen Mädchen, über die die Gemeinschaft nicht spricht, die Leute schweigen einfach.”
    Urhebernachweis: © Brian Otieno/ DSW

 

Weitere Informationen:

Begriffserklärungen

Weibliche Genitalverstümmelung: Unter weiblicher Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) versteht man die teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien und andere Verletzungen der weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht-medizinischen Gründen. Sie findet in allen Regionen der Welt statt und betrifft heutzutage 200 Millionen Frauen und Mädchen. Sie verletzt das Recht von Frauen und Mädchen auf Gesundheit, körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Diskriminierung. Sie kann sogar tödlich enden. Dennoch besteht diese schädliche Praktik weiter, basierend auf dem fehlgeleiteten Glauben, dass sie die Fruchtbarkeit erhöhe, die sexuelle Lust der Männer steigere, die weibliche Sexualität unterdrücke, religiösen Forderungen entspreche oder zu gesellschaftlicher Akzeptanz führe. In einigen Ländern gelten Frauen und Mädchen nach einer Genitalverstümmelung als „heiratsfähiger“.

Frühverheiratung: Man spricht von einer Frühverheiratung, wenn mindestens eine der eheschließenden Personen das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Das kann sowohl ein Mädchen als auch ein Junge sein. In der großen Mehrheit sind es jedoch Mädchen. Frühverheiratungen sind fast überall verboten und doch werden jeden Tag 33.000 Mädchen noch vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, in allen Teilen der Welt, in jeder Kultur und jeder Religion. Es wird geschätzt, dass 650 Millionen heute lebende Mädchen und Frauen im Kindesalter verheiratet wurden. Wenn ein Mädchen verheiratet wird, endet in der Regel die Schulausbildung. Das Kinderkriegen beginnt. Die Wahrscheinlichkeit schwangerschaftsbedingter Todesfälle und geschlechtsbasierter Gewalt erhöht sich. Oft rechtfertigen Eltern die frühe Heirat von Mädchen als eine Möglichkeit, ihre wirtschaftliche Zukunft zu sichern. Eine Grundlage dieser Tradition ist in der Regel der Wunsch der Eltern, die Jungfräulichkeit eines Mädchens für ihren Ehemann zu bewahren.