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Fatales Signal: Massive Kürzungen im BMZ-Haushalt geplant  

Blog | 15. Januar 2024 | #BMZ #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit #Etat #Haushalt

Es steht schlecht um die Entwicklungszusammenarbeit. Der Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) soll um weitere 400 Millionen Euro gekürzt werden. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im November 2023, das die nachträgliche Umschichtung von Mitteln aus dem Jahr 2021 in den Klima- und Transformationsfonds (KTF) für verfassungswidrig erklärt hat, muss die Bundesregierung zusätzliche 17 Milliarden einsparen. In der Konsequenz wird der BMZ-Etat am stärksten zusammengestrichen: auf 11,23 Milliarden Euro – das bedeutet eine Kürzung um insgesamt 930 Millionen im Vergleich zum Vorjahr. Wenn diese Kürzungen am 2. Februar vom Bundestag und Bundesrat final beschlossen werden, sind das BMZ und das Auswärtige Amt die anteilmäßig am stärksten betroffenen Ministerien. Dabei wurde der Rotstift schon vor dem Gerichtsurteil kräftig beim BMZ-Etat angesetzt: Geplant waren Kürzungen in Höhe von 640 Millionen Euro, die durch Beschlüsse der Haushaltspolitiker*innen in der sogenannten Bereinigungssitzung am 16. November 2023 teileweise abgewendet wurden. Auch für 2025 ist keine Besserung in Sicht, im Gegenteil: Laut Finanzplanung droht in der verbleibenden Legislaturperiode die Entwicklungszusammenarbeit um knapp ein Viertel gekürzt zu werden.

Abkehr von der feministischen Entwicklungspolitik

„Dieses Sparprogramm steht im diametralen Gegensatz zur von der Ampelregierung proklamierten feministischen Entwicklungspolitik“, sagte Jan Kreutzberg, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW). „Gerade in Zeiten sich zuspitzender multipler Krisen braucht es mehr Investitionen in die internationale Entwicklungszusammenarbeit. Deutschland muss sich solidarisch zeigen und darf seine Partner*innen im Globalen Süden nicht im Stich lassen.” Besonders Frauen, Kinder und Jugendliche werden in Krisenzeiten oft zurückgelassen. Gendertransformative Projekte, wie sie die feministische Entwicklungspolitik der Bundesregierung vorantreiben will, gewinnen also an Bedeutung. Dazu zählen u.a. die Förderung von Globaler Gesundheit, Gesundheitsforschung sowie die Stärkung von sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte (SRGR). Noch immer stirbt alle zwei Minuten eine Frau durch Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt. Fast die Hälfte aller Schwangerschaften sind ungewollt und 257 Millionen Frauen, die eine Schwangerschaft vermeiden wollen, haben keinen Zugang zu sicheren und modernen Verhütungsmitteln.

Konservative Gegenwehr

Doch nicht nur die aktuellen Krisen machen diese Politik besonders virulent. Weltweit versuchen ultra-konservative und antifeministische Kräfte die hart erkämpften sexuellen und reproduktiven Rechte und die Geschlechtergleichstellung zurückzudrängen. Auch in Europa sind rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch. Immer weniger Länder unterstützen SRGR politisch und finanziell. Schweden beispielsweise kürzte den Kernbeitrag für die International Planned Parenthood Federation (IPPF) in 2023 um 60 Prozent. Wichtige Partnerländer fallen auf einmal weg. „In dieser Situation sollte die Bundesregierung im Rahmen der feministischen Entwicklungspolitik die SRGR-Fahne hochhalten“, fordert Jan Kreutzberg. Doch das Gegenteil scheint der Fall: Wie der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) erfahren hat, plant die Bundesregierung die Beiträge für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) um 7,5 Millionen Euro und für IPPF um 4,5 Millionen Euro gegenüber den Ergebnissen der Bereinigungssitzung vom 16. November zu kürzen. Beide Organisationen sind wichtige Kooperationspartner der Bundesregierung. Sie fördern etwa Sexualaufklärung, selbstbestimmte Familienplanung, Präventionsmaßnahmen gegen geschlechtsbasierte Gewalt und schädliche Praktiken wie weibliche Genitalverstümmelung sowie Früh- und Zwangsverheiratungen und wirken dem weltweiten Rückwärtstrend entgegen.

 Deutschland muss wichtiger Verbündeter bleiben

Mit der feministischen Entwicklungspolitik gilt Deutschland international als vertrauensvoller Verbündeter für die Förderung von SRGR. „Wenn die Bundesregierung ausgerechnet jetzt von ihrem Ziel ablässt, diese Organisationen mit hohen Beiträgen zu unterstützen, wäre dies ein fatales Signal“, warnt Jan Kreutzberg. „Damit UNFPA und IPPF effektiv ihren Kernaufgaben nachgehen können, ist eine substantiellere finanzielle Unterstützung unabdingbar. Die DSW appelliert deshalb an die Bundesregierung und den Bundestag, die geplanten Kürzungen für UNFPA und IPPF zurückzunehmen!“

(Quellen: Verband Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe – VENRO (2024) Analyse. Haushalt 2024: Neue Kürzungen)

Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW)

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Konstante im Vorstand: Angela Bähr bleibt stellvertretende VENRO-Vorsitzende

Blog | 15. Januar 2024 | #Angela Bähr #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit #VENRO

Ihre Beständigkeit und Konstanz zeichnen sie aus: Zum nunmehr vierten Mal ist Angela Bähr, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), in den Vorstand des Verbandes Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe (VENRO) wiedergewählt worden. Bei der Mitgliederversammlung in Bonn kandidierte Angela Bähr gemeinsam mit Carsten Montag von der Kindernothilfe erfolgreich für das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden.

„Kürzung der finanziellen Mittel ist kurzsichtig“

„Gerade im Hinblick auf die weltpolitische Lage mit ihren aktuellen Krisenherden, etwa in Gaza und in der Ukraine, ist die Entwicklungszusammenarbeit von ganz entscheidender Bedeutung“, sagte Angela Bähr nach ihrer Wahl. „Eine Kürzung der finanziellen Mittel durch die Bundesregierung ist kurzsichtig. Deutschland darf sich im Sinne der von den Ministerinnen Annalena Baerbock und Svenja Schulze proklamierten feministischen Außen- und Entwicklungspolitik nicht aktiv zurückziehen. Denn gerade Frauen und Mädchen sind in besonderem Maße von den Folgen von Krieg, Konflikten und Naturkatastrophen betroffen. Sie sind allzu häufig die Leidtragenden im wörtlichen Sinn.“

Herbst und Schattschneider neue Vorstandsvorsitzende

An der Spitze von VENRO hat es derweil einen Wechsel gegeben: Michael Herbst von der Christoffel Blindenmission (CBM) und Gudrun Schattschneider von World Vision Deutschland wurden zu den neuen Vorstandsvorsitzenden des Verbandes gewählt. Herbst und Schattschneider bilden nun die Doppelspitze des Vorstands. Herbst, Leiter der politischen Arbeit bei CBM, gehört seit 2019 dem VENRO-Vorstand an. Schattschneider, Leiterin der Abteilung „Politik und Fachlichkeit“ bei World Vision Deutschland, ist dazu seit 2019 Schatzmeisterin im VENRO-Vorstand.

Das neue Vorstands-Duo löst Mathias Mogge und Martina Schaub ab. Mogge scheidet nach zehn Jahren Amtszeit aus dem Vorstand aus. Schaub, Mitglied seit 2016, wird dem VENRO-Vorstand weiterhin angehören.

Nils Hartung

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Entwicklungszusammenarbeit: „Gute Absichten und hohe Ambitionen sind keine Garantie“

Blog | 30. Juni 2023 | #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit #Monica Basamera #TeamUp #Uganda

Erfolg durch Kooperation am Beispiel TeamUp Uganda

Wie können kollaborative Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit eigentlich erfolgreich sein? Das war die Frage, über die Susanne Salz (GIZ), Leona Henry (Universität Witten/Herdecke) und Monica Basemera (TeamUp Uganda) jetzt in Hamburg debattiert haben. Bei der Podiumsdiskussion „Ich. Du. Wir. Effizienz in der Entwicklungszusammenarbeit“ ging es unter anderem um das Projekt TeamUp in Uganda, das Monica Basemera als Programmkoordinatorin leitet. „Als wir anfingen, mussten wir die Parameter sehr klar festlegen“, erinnert sie sich. „Die Besonderheiten jedes
einzelnen Partners mussten ebenso berücksichtigt werden, wie die Überschneidungen der verschiedenen Arbeitsbereiche“. Aber auch die Organisationsstruktur einer Partnerschaft ist entscheidend. „Die demokratischen Prozesse innerhalb der Partnerschaft sind von größter Bedeutung“,
sagte Leona Henry. „Gute Absichten und hohe Ambitionen sind keine Garantie für den Erfolg.“

Einzigartige Kooperation aus drei NRO und dem BMZ

Das Beispiel TeamUp war natürlich nicht ohne Grund gewählt: Es handelt sich dabei um eine einzigartige Kooperation zwischen der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), der Hanns R. Neumann Stiftung (HRNS) und der Siemens Stiftung sowie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die die Expertise, Netzwerke und Ressourcen der einzelnen Partner zusammenführt.
Das Programm wird von der DSW‐Tochter Action for Health Uganda gemeinsam mit Whave Solutions und der Hanns R. Neumann Stiftung Afrika umgesetzt. Ziel ist es, Jugendliche im ländlichen Uganda dabei zu unterstützen, ein gesundes und selbstbestimmtes Leben zu führen und ihre Chancen auf Arbeitsplätze, Unternehmertum und Teilhabe am öffentlichen und politischen Leben zu nutzen.

Susanne Salz, Leona Henry und Monica Basemera waren sich einig, dass eine solche Erfolgsgeschichten nur mit lokalisierten Strukturen, guter Planung, einer gemeinsamen Vision und klaren Führungs‐ und Kommunikationslinien erreicht werden kann – echter Kooperation eben. Susanne Salz nannte die wichtigsten Voraussetzungen für Respekt und Fairness zwischen verschiedenen Akteuren: „Gemeinsame Ziele, Vertrauen, Transparenz, Kommunikations‐ und Governance‐Strukturen ‐ all das ist wichtig“, sagte sie. In ihrem Abschlussstatement erinnerte Monica Basemera daran, dass auch eine solche Zusammenarbeit nur ein Mittel zum Zweck ist: „Unser Ziel ist es, dass wir nicht mehr gebraucht werden.“

Hier gibt es die gesamte Diskussion auf dem Youtube-Kanal von TeamUp.

Nils Hartung

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Hoher Besuch bei der DSW Kenia: Bundestagsabgeordnete beim VIVA-Projekt

Blog | 21. Februar 2023 | #Bundestag #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit #Kenia #Parlamentarischer Beirat #VIVA

Es waren sehr angeregte Gespräche, die deutsche Parlamentarier*innen aller Fraktionen mit den Jugendlichen in Nairobi führen konnten und die ihnen einen direkten Einblick in die Arbeit der DSW vermittelten.

Die Delegation aus sieben Bundestagsabgeordneten, darunter vier Mitglieder des parlamentarischen Beirats für Bevölkerung und Entwicklung, den die DSW vor 20 Jahren initiiert hat, hat am 18. Februar 2023 in unserem Projekt VIVA in Nairobi, Kenia vorbeigeschaut. In dem Projekt, das wir gemeinsam mit mehreren Partner*innen durchführen, werden Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren für Gesundheitsthemen sensibilisiert und mit Einrichtungen vertraut gemacht, in denen sie bei Bedarf altersgerecht versorgt werden. Darüber hinaus gibt es Ausbildungskurse, die sie auf einen Beruf vorbereiten.

Die Delegation des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (AwZ) war insgesamt eine Woche in Ostafrika unterwegs, um sich einen Überblick über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zu verschaffen und die bilaterale Zusammenarbeit mit Tansania und Kenia zu bestätigen.

Bei ihrem Besuch des VIVA-Projekts nahmen die Bundestagsabgeordneten an einer Jugendberatungs-Session teil, diskutierten mit Jugendlichen aus den Slums von Mathare und besichtigten das Mathare North Health Centre, wo sie mit dem Gesundheitspersonal ins Gespräch kamen. Zum feierlichen Abschluss dieses ereignisreichen und informativen Tages wurde gemeinsam getanzt.

Wir freuen uns sehr über das positive Feedback, das uns nach dem Projektbesuch in Nairobi von den Delegierten erreichte, und hoffen auf weitere Besuche. Denn der Deutsche Bundestag ist ein wichtiger Partner für eine nachhaltige und fruchtbare Entwicklungszusammenarbeit.

Marei Hueckelheim

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Ein Menschenfreund und großherziger Idealist

Blog | 25. Juni 2022 | #Deutsche Stiftung Weltbevölkerung #DSW #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit #Erhard Schreiber

Wir trauern um unseren Gründer und langjährigen Vorstandsvorsitzenden Erhard Schreiber.

Erhard Schreiber war ein echter Menschenfreund, das spürte jeder, auf den der große schlanke Mann mit seinem offenen Lächeln und einnehmender Herzlichkeit zuging. Erst vor wenigen Wochen konnten dies Mitarbeiter, Weggefährten und Gäste erleben, als die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW), seine Stiftung, ihren 30. Geburtstag feierte. Niemand ahnte, dass es sein Abschied sein würde. Am 13. Juni ist der Gründungsstifter der DSW im Alter von 82 Jahren in seiner Heimatstadt Hannover gestorben.

Es war ein Zeitungsartikel, der den Ingenieur und Unternehmer einen Stift in die Hand nehmen und eine Kurve zeichnen ließ: Seit seiner Schulzeit, in nur 40 Jahren, hatte sich die Weltbevölkerung verdoppelt. Erhard Schreiber begann zu recherchieren und stellte fest, dass eine der Kernursachen für diese Entwicklung, ein eklatanter Mangel an sexueller Aufklärung und Möglichkeiten der Verhütung, in der Entwicklungsarbeit Anfang der 90er Jahre überhaupt keinen Platz hatten, weder in der deutschen Politik noch in den Hilfsorganisationen. Das war die Initialzündung für die Gründung der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW).

Wegbereiter für einen neuen Ansatz in der Entwicklungsarbeit

Erhard Schreiber war nicht nur erfolgreicher Unternehmer, sondern auch ein großherziger Idealist. Von dem, was er mit der Produktion von Kläranlagen erwirtschaftete, wollte er gerne etwas weitergeben. In Dirk Roßmann, den er für seine Idee begeistern konnte, fand er den geeigneten Partner, um das Fundament für die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) zu legen.

Frauen die Chance der sexuellen Selbstbestimmung zu geben und damit der verantwortungsvollen Familienplanung, war einer der zentralen Ansätze der DSW, die damit zum Wegbereiter für eine am Individuum orientierte Entwicklungszusammenarbeit wurde. Über ein Vierteljahrhundert stand Erhard Schreiber an der Spitze des Vorstands und begleitete den Ausbau nicht nur der Projektarbeit vor Ort in Äthiopien, Kenia, Tansania und Uganda, sondern auch der politischen Arbeit, für die mit der Zeit eigene Büros in Berlin und Brüssel eingerichtet wurden.

Für dieses Engagement erhielt Erhard Schreiber gemeinsam mit Dirk Roßmann 1998 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Ehrungen, wie diese, waren aber nicht sein Antrieb. Der kam aus seinem echten Idealismus, der ihn niemals zweifeln ließ, dass auch eine relativ kleine Stiftung wie die DSW Großes bewegen kann, und aus seiner tiefen Menschenliebe. Die erfuhren auch alle Mitarbeitenden der Stiftung, wenn Erhard Schreiber auch nach seiner aktiven Tätigkeit noch regelmäßig vorbeischaute, auf keiner Weihnachtsfeier fehlte und jeden Einzelnen mit aufrichtigem Interesse bedachte. Er wird schmerzlich fehlen, doch seine Erinnerung wird Ansporn sein und in der von ihm gegründeten Stiftung weiterleben.

Nicole Langenbach

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UN-Resolution zu „Bevölkerung und nachhaltige Entwicklung“: DSW an Verhandlungen in New York beteiligt

Blog | 09. Mai 2022 | #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit #UN #Vereinte Nationen

Jedes Jahr treffen sich Länderdelegierte und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft aus der ganzen Welt zur sogenannten Kommission für Bevölkerung und Entwicklung (Commission on Population and Development, CPD) bei den Vereinten Nationen. Die Kommission überwacht, welche Fortschritte die Staatengemeinschaft bei der Umsetzung des Aktionsprogramms der Weltbevölkerungskonferenz von Kairo (International Conference on Population and Development, ICPD) macht. Als Teil der deutschen Delegation konnte in diesem Jahr Alisa Kaps, entwicklungspolitische Referentin bei der DSW, bei den Verhandlungen dabei sein. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Covid-19 Pandemie fanden diese wieder überwiegend in Person im UN-Hauptquartier in New York statt.

Die diesjährige 55. Tagung der CPD befasste sich mit dem Schwerpunktthema „Bevölkerung und nachhaltige Entwicklung, insbesondere nachhaltiges und inklusives Wirtschaftswachstum.“ Dabei gelang es zum zweiten Mal in Folge am Ende der Verhandlungen eine Resolution zu verabschieden, die Analysen und Empfehlungen zu nachhaltiger Entwicklung, gerechtem Wirtschaftswachstum und der Erreichung der im Aktionsprogramm von Kairo gesetzten Ziele umfasst. Was im ersten Moment nach keiner großen Sache klingt, ist dabei ein großer Erfolg. Denn wann immer die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen zusammenkommen, um über Themen wie sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRGR) und Geschlechtergleichstellung zu diskutieren, sind Meinungsverschiedenheiten programmiert.

Kein gerechtes Wirtschaftswachstum ohne sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist, besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen inklusivem – oder auch gerechtem – Wirtschaftswachstum und der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und den damit verbundenen Rechten (SRGR) sowie der Gleichstellung der Geschlechter: Die körperliche Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen ist die Grundlage, damit sich Frauen für die Wirtschaft eines Landes einbringen und diese mitgestalten können. Wenn die UN-Mitgliedsstaaten also nach Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung und gerechtes Wirtschaftswachstum suchen, müssen die Bedürfnisse von Mädchen, Frauen und jungen Menschen mitgedacht werden. Dazu gehört ein guter Zugang zu Gesundheitsdiensten, umfassende Sexualaufklärung (CSE) und die Bekämpfung von Diskriminierung und geschlechtsbasierter Gewalt.

Erfolg mit Abstrichen

Gerade die Themen SRGR, CSE und der Schutz vor (mehrfacher) Diskriminierung führten dabei zu heftigen Diskussionen, was die Verhandlungen auch einmal bis in die Nacht hineinziehen konnte. Die Arbeit hat sich jedoch bezahlt gemacht: Mit der angenommenen Resolution bekräftigen die UN-Mitgliedstaaten ihre Unterstützung für das Aktionsprogramms von Kairo und die politische Bedeutung der jährlich stattfindenden CPD. Gleichzeitig ist es gelungen wichtige Verweise auf die Menschenrechte und die Bedeutung von Bildung einzubringen. Zentrale Bekenntnisse zu SRGR konnten ebenfalls erhalten und gestärkt werden. Die Bedeutung von umfassender Sexualaufklärung, eine stärkere Sprache zur Geschlechtergleichstellung sowie Verweise auf mehrfache und intersektionale Formen von Diskriminierung schafften es dagegen leider nicht in die Resolution.

Auch im nächsten Jahr wird die CPD Fortschritte und Hindernisse bei der Verwirklichung des Aktionsprogramms der Weltbevölkerungskonferenz betrachten. Das Schwerpunktthema steht bereits fest: Bevölkerung, Bildung und nachhaltige Entwicklung.

Der Artikel unter Mitwirkung von DSW-Mitarbeiterin Alisa Kaps ist eine gekürzte und editierte Fassung eines Blogartikels des Countdown 2030 Europe Netzwerks, an dem die DSW beteiligt ist. Der ursprüngliche Artikel ist hier verlinkt.

DSW

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Tabus brechen und die Zukunft gestalten

Blog | 03. Mai 2022 | #Entwicklungszusammenarbeit #Jugendarbeit #SIYET #Tansania

Als Naserian zum ersten Mal in den Jugendklub kam, traute sie ihren Ohren nicht. Wie konnte man so frei über Dinge sprechen, über die in ihrer Kultur doch nie gesprochen wurde, weder von jungen, noch von älteren Menschen: Frühverheiratung im Kindesalter, Teenager- und generell unbeabsichtigte Schwangerschaften und vieles mehr aus dem weiten Feld der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Zuerst, sagt Naserian, sei sie sehr verlegen gewesen, doch dann fing sie an zu begreifen, wie sehr sie das alles betraf, dass auch sie ein Opfer dieses alten patriarchalischen Systems war, das vor allem die Frauen unterdrückt – und dass sie ein Recht hatte, daran etwas zu ändern.

Aufklärung gegen eine lange Tradition

Naserian kommt aus Engarenaibor, einer Hirtengesellschaft im Distrikt Longido in Tansania, ist heute 22 Jahre alt und hat inzwischen nicht nur gelernt, selbst über die vermeidlichen Tabuthemen offen zu sprechen, sondern gezielte Aufklärungsarbeit zu leisten und damit auch andere zum Sprechen zu bringen. In einem Jugendklub der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) wurde sie zur Beraterin ausgebildet und ist sehr stolz darauf, schon viele Jugendliche aufgeklärt zu haben: „In unserer Kultur ist es normal, dass ein junges Mädchen im Alter von 20 Jahren nicht weniger als zwei Kinder hat und in ein paar Monaten ein weiteres erwartet. Ich sage das, weil ich auch eines der Mädchen bin, die früh verheiratet wurden.“ Damit diese Normen endlich gebrochen werden, ist Naserians großes Ziel, ihr Wissen über sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte und Familienplanung so weit wie möglich zu verbreiten. Und alle, die von ihr gelernt haben, sollen weiterziehen, um so wiederum so viele Jugendliche wie möglich über ihre Rechte aufzuklären.

Champions für die Politik

„Stärkung der Jugend“ nennt auch Mariam ihre wichtigste Aufgabe. Sie ist im Distrikt Meru und Longido Projektverantwortliche von „Supporting Youth Initiative for Youth Empowerment Tanzania“. Das kurz SIYET genannte Programm wendet sich gezielt an Jugendliche wie Naserian, die zu Berater*innen ausgebildet werden, damit sie ohne große Hemmschwellen ihre Altersgenoss*innen über Sexualität, die Gefahr von sexuell übertragbaren Krankheiten, über frühe oder unbeabsichtigte Schwangerschaften und die Möglichkeit einer gesunden und selbstbestimmten Familienplanung aufklären. Einige der Jugendlichen, wie Mariam nicht ohne Stolz berichtet, werden auch zu sogenannten „youth champions“ ausgebildet. Sie überzeugen nicht nur ihre eigene Generation, sondern vor allem auch die Älteren, die in Politik und Gesellschaft etwas zu sagen haben, davon, dass die Normen überholt und Veränderungen dringend geboten sind.

Wege zur Eigenständigkeit

Mindestens so wichtig, wie die Aufklärung ist die wirtschaftliche Eigenständigkeit, vor allem für die Mädchen. Dafür werden in den DSW Jugendklubs und sogenannten „Youth Empowerment Centres“ Trainings zur beruflichen Fortbildung und innovativer Unternehmensführung angeboten . „Aktuell sind es leider noch zu wenige“, wie Mariam betont. „Wir bräuchten noch sehr viel mehr.“ Es gibt also noch einiges zu tun, damit Naserian ihr großes Ziel erreicht: dass die Mädchen ihrer Gemeinschaft nicht mehr als Kinder verheiratet und unbeabsichtigt schwanger werden.

Nicole Langenbach

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Eine neue Aufgabe mit positiven Perspektiven: Angela Bähr in Vorstand von VENRO gewählt

Blog | 14. Januar 2022 | #Angela Bähr #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit #NGO #VENRO

Es ist bereits ihre dritte Wiederwahl in den Vorstand von VENRO (Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V.), doch erstmals als deren stellvertretende Vorsitzende: Angela Bähr freut sich sehr auf diese neue Aufgabe. In dem Verband, dem 140 private und kirchliche Organisationen angehören, war die stellvertretende Geschäftsführerin und Direktorin der Programme der DSW bislang vor allem für die Bereiche Gender, Safeguarding und Wirkungsorientierung zuständig. „Ich freue mich besonders, in dieser neuen Funktion an der neuen Strategie des Verbands mitarbeiten zu können, als auch an der Gestaltung der entwicklungpolitischen Lobbyarbeit angesichts der neuen Regierung.“ Dass diese nicht nur eines ihrer Herzensthemen, die Geschlechtergleichheit, prominent im entwicklungspolitischen Teil des Koalitionsvertrages verankert hat, sondern mit sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte (SRGR) eines der Kernthemen der DSW explizit erwähnt, lässt Angela Bähr optimistisch auf diese künftige Zusammenarbeit blicken. Auch sieht sie speziell die Themen der Frauenförderung bei der neuen Bundesministerin für Entwicklung und Zusammenarbeit, Svenja Schulze, in guten Händen.

Neben Angela Bähr wurde auch Carsten Montag von der Kindernothilfe zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Den Vorstandsvorsitz nimmt in der neuen Zusammensetzung erstmals eine Doppelspitze  wahr: Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe und Martina Schaub, Vorständin von OroVerde – Die Tropenwaldstiftung. Letztere versprach nach ihrer Wahl: „Wir werden nicht nachlassen, die Politik im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation mitzugestalten.“

Nicole Langenbach

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Renate Bähr erhält Auszeichnung für Lebenswerk

Blog | 02. Juli 2021 | #Deutsche Stiftung Weltbevölkerung #Empowerment #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit #Renate Bähr

Es ist eine Auszeichnung für herausragendes persönliches Engagement: Die EINE-WELT-Medaille. Am 24. Juni 2021 hat Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller die EINE WELT-Medaille an Renate Bähr verliehen. Die ehemalige und langjährige Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) freut sich sehr über diese besondere Auszeichnung ihres Lebenswerkes.

Neben Bährs Lebenswerk würdigt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller mit dieser Auszeichnung insbesondere ihr außerordentliches Engagement für die Nachhaltigkeitsziele. „Es ist eine große Ehre für mich, dass der Bundesminister mit dieser Auszeichnung die besondere Bedeutung der sozialen Nachhaltigkeit hervorhebt, darunter insbesondere die Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit sowie sexueller und reproduktiver Gesundheit. Wir konnten schon viel erreichen und müssen nun dafür Sorge tragen, dass die Auswirkungen der Pandemie die Fortschritte nicht wieder zunichtemachen,“ sagt Renate Bähr.

Renate Bähr war von 2008 bis 2020 Geschäftsführerin der DSW. Bereits 1995 startete ihr Einsatz für die von Erhard Schreiber und Dirk Rossmann im Jahr 1991 gegründete Stiftung, für die sie bis 1998 als Pressesprecherin tätig war. In der Zeit von 1998 bis 2008 war sie stellvertretende Geschäftsführerin.

Die Medaille wurde durch den Bundesentwicklungsminister zum zweiten Mal verliehen. Sie zeichnet herausragendes persönliches Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit aus. Neben Renate Bähr erhielten noch drei weitere Personen die EINE-WELT-Medaille in Gold: Bärbel Dieckmann (ehemalige Präsidentin der Welthungerhilfe), Olaf Tschimpke (Vorsitzender von NABU International) und Edith von Welser-Ude (Publizistin).

DSW

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Das 0,7-Prozent-Ziel für Entwicklungszusammenarbeit: 50 Jahre leere Versprechen

Blog | 23. Oktober 2020 | #Bundesregierung #Bundesrepublik Deutschland #Bundestag #DSW #Entwicklungspolitik #Entwicklungszusammenarbeit

Das 0,7-Prozent-Ziel hat Geburtstag! Am 24. Oktober 2020 wird das Versprechen der Bundesregierung und anderen Industrienationen, jährlich mindestens 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe auszugeben, 50 Jahre alt. Bisher hat Deutschland das Ziel nur einmal erreicht – und das mit Ach und Krach. Aber was hat es überhaupt mit diesem Versprechen auf sich?

Industrienationen bekennen sich zum 0,7-Prozent-Ziel

Man schreibt das Jahr 1970. Deutschland und die anderen Industriestaaten sagen bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu, die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit bis Mitte der 70er-Jahre auf mindestens 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens zu erhöhen. Mit der Vereinbarung soll die globale Armut reduziert und die Lebensbedingungen von Menschen in einkommensschwachen Ländern nachhaltig verbessert werden. Dieses Ziel wurde danach immer wieder bestätigt.

Wenn wir heute auf die vergangenen 50 Jahre zurückblicken, ist das Resultat bitter. Nur elf Länder haben das 0,7-Prozent-Ziel jemals erreicht: Dänemark, Finnland, Großbritannien, Kuwait, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Schweden, die Türkei, die Vereinigten Arabische Emirate und Deutschland. Laut den jüngsten Erhebungen der Datenbank der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben die Länder, die sich zu dem Ziel bekannt haben, im Jahr 2019 durchschnittlich sogar nur 0,3 Prozent für Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben.

Wie schlägt sich Deutschland?

Deutschland ist über Jahrzehnte und unter verschiedenen Regierungen nicht einmal in die Nähe des 0,7-Prozent-Ziels gekommen. Im Jahr 2016 – also 46 Jahre nach der wegweisenden UN-Generalversammlung – erreichte Deutschland das Ziel zum ersten und bisher einzigen Mal. Das aber auch nur nach einer vorteilhafteren Berechnungsmethode, die heute nicht mehr angewandt wird. Dabei kam der Bundesregierung außerdem zugute, dass sie Kosten für Geflüchtete in Deutschland anrechnen konnte. Sonst hätten die Entwicklungsausgaben nur bei 0,52 Prozent gelegen. Die Bundesrepublik war also selbst die größte Empfängerin der eigenen Entwicklungsgelder! Das ist zwar zulässig, aber diese Mittel tragen nicht zur Entwicklung einkommensschwacher Länder bei. 

Seitdem lagen Deutschlands Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit wieder unter der 0,7-Prozent-Marke. Zuletzt im Jahr 2019 bei 0,6 Prozent.  

Voraussichtlich wird die Bundesregierung das 0,7-Prozent-Ziel in den Jahren 2020 und 2021 erreichen. Dies gelingt wegen der zusätzlichen Mittel, die als Reaktion auf die globale Corona-Pandemie bereitgestellt werden und durch den Corona-bedingten Wirtschaftsrückgang Deutschlands. 

Welche Fortschritte gibt es in der globalen Entwicklung? 

Seit 1970 ist viel passiert! Der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, ist allein in den letzten 30 Jahren um 27 Prozent zurückgegangen. Die Kindersterblichkeit sank seit dem Jahr 2000 um 45 Prozent. Durch multilaterale Entwicklungsprojekte wurden große Erfolge erzielt: Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria hat beispielsweise 38 Millionen Menschenleben gerettet. Die Impfallianz Gavi konnte mehr als 13 Millionen Leben durch wichtige Impfungen retten. 

Gleichzeitig ist die Weltbevölkerung seit 1970 um 4,1 Milliardem Menschen gewachsen und hat sich damit mehr mehr als verdoppelt. Damit ist auch die absolute Zahl der Menschen gestiegen, die in Armut leben, auch wenn Anteil an der Weltbevölkerung gesunken ist. Denn ein Großteil des Bevölkerungswachstums findet in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen statt, die Empfänger von Entwicklungsgeldern sind. 

Globale Probleme sind hinzugekommen: Der Klimawandel stellt uns und unseren Planeten vor große Herausforderungen. Durch die Corona-Pandemie lastet ein enormer Druck auf den Gesundheitssystemen weltweit. Und auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie sind weltweit zu spüren.

Was fordert die DSW von der Politik?

Mit der Umsetzung des 0,7-Prozent-Versprechens ließe sich das Leben von Millionen von Menschen verbessern. Zur Erreichung der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen – auch bekannt als Agenda 2030 – bleiben der Weltgemeinschaft nur noch zehn Jahre. Das erfordert zusätzliche Anstrengungen, die sich im Haushalt der Bundesregierung widerspiegeln müssen. 

Die Bundesregierung muss ihrer Verantwortung im Bereich der nachhaltigen globalen Entwicklung nachkommen. Ohne politischen Willen – und einen konkreten Plan, wie das 0,7-Prozent -Ziel auch nach 2021 gehalten werden kann – ist dies nicht möglich. Unsere Forderungen finden Sie in ausführlicher Form in unserem Positionspapier zum BMZ-Haushalt 2021

Malene Hummel