Zwei Aktivisten vor der "No" Contraceptive Clinic in London halten ein Schild mit dem #HerFuture hoch
Straßenaktion am Rande der Familienplanungskonferenz "Family Planning 2020" (FP2020) in London im Juli 2017: 214 Frauen werden in einer "No Contraceptives Clinic" abgewiesen. Die Aktivistinnen machen mit der Aktion darauf aufmerksam, dass 214 Millionen Mädchen und Frauen in Entwicklungsländern noch immer keinen Zugang zu Verhütung haben. Foto: Jeff Moore, ©Gates Archive

London Calling: Verhütungsbedarf von Jugendlichen rückt endlich in den Mittelpunkt

Renate Bähr Blog, Freiwillige Familienplanung, Jugendliche 0 Comments

Logo Family Planning 2020Hektisches Treiben in der County Hall, ganz in der Nähe des Westminster Palace, dem britischen Regierungssitz. Menschen aller Nationen stehen in kleinen Gruppen zusammen und diskutieren aufgeregt. Ich bin auf der Familienplanungskonferenz „Family Planning 2020“ (FP2020). Hier treffen sich internationale Vertreter von Regierungen, Organisationen und der Privatwirtschaft, um über die Rechte von Mädchen und Frauen – besonders in Entwicklungsländern – zu sprechen. Sie sollen frei und selbst entscheiden können, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommen möchten. Genau das fordert auch die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) seit mehr als 25 Jahren. Deshalb nehme ich als Geschäftsführerin der Stiftung an der Konferenz teil.

Das diesjährige Treffen ist eine Art Zwischenbilanz. 2012 hatten sich die internationalen Akteure zum ersten Mal getroffen und sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 weiteren 120 Millionen Mädchen und Frauen den Zugang zu Verhütungsmitteln zu ermöglichen. Derzeit können 214 Millionen Frauen in Entwicklungsländern nicht verhüten, obwohl sie das gern möchten. Das verdeutlicht, wie groß der Bedarf an Familienplanung ist.

Was mir auffällt: Wenn über Familienplanung gesprochen wird, ist häufig „nur“ von Frauen die Rede. Doch was ist mit den vielen Mädchen und jungen Frauen, die in einem noch stärkeren Maße Zugang zu Aufklärungsangeboten und Verhütungsmitteln brauchen? Zumal der Bedarf weiter steigen wird, da fast ein Drittel der Bevölkerung in Entwicklungsländern jünger als 15 Jahre ist. Und was ist mit den Jungen und Männern? Verhütung geht schließlich beide Partner etwas an.

Junge Frauen sitzen bei einem Workshop der DSW zu verschiedenen Verhütungsmethoden zusammen. Im Bild: Die Anwendung eines Famidoms.

Sexualaufklärung für Frauen in Uganda. Jugendliche haben andere Bedürfnisse an Verhütungsmethoden als Erwachsene.
Foto: Jonathan Torgovnik

Zunächst einmal sollten wir uns klar machen, dass Jugendliche ganz andere Bedürfnisse bei Aufklärung und Verhütung haben, als Erwachsene. Und ich spreche hier ganz bewusst von den zwei Begriffen Aufklärung und Verhütung, denn kaum ein junger Mensch „plant“ bereits in sehr jungen Jahren eine Familie. Junge Menschen brauchen andere Verhütungsmittel und vor allem auch ein breites Angebot. Da sie häufig ihre Sexualpartner wechseln, sollten sie sich auch vor einer Ansteckung mit HIV oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten schützen können. Außerdem geht es bei den Jugendlichen darum, sie überhaupt aufzuklären. Darüber, was sich in der Pubertät am Körper ändert, wie und warum sie verhüten sollten und dass es wichtig ist, dass beide Partner mit den sexuellen Handlungen einverstanden sind.

Leider finden die ersten sexuellen Erfahrungen vor allem von Mädchen und jungen Frauen häufig unter Zwang und Gewalt statt, wie eine Studie des US-amerikanischen Guttmacher Instituts kürzlich festgestellt hat. Deshalb sprechen wir in unserer Arbeit auch immer von sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten. Wieder so ein komplizierter Begriff, der aber zwei grundsätzliche Menschenrechte unterstreicht.

Lasst die Mädchen und jungen Frauen entscheiden!

In Entwicklungsländern können zwei Drittel der Mädchen und jungen Frauen nicht verhüten. Fast die Hälfte aller Schwangerschaften in dieser Altersgruppe ist ungewollt. Außerdem tragen Mädchen und jungen Frauen die größten gesundheitlichen, gesellschaftlichen und finanziellen Folgen.

Ungewollt schwanger, sehen viele keinen Ausweg als eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Fehlt die legale Möglichkeit dazu oder ist die Gesundheitsversorgung schlecht, setzten die Mädchen und jungen Frauen ihr Leben bei einer unsicheren Abtreibung aufs Spiel. Der Körper der jungen Schwangeren ist häufig noch nicht für eine Geburt bereit, was zu schweren Geburtsverletzungen führen kann, die wiederum gesellschaftlichen Ausschluss bedeuten.

Auch die Schwangerschaft selbst wirft den Mädchen und jungen Frauen Steine auf ihren Lebensweg. In Tansania beispielsweise dürfen Schülerinnen nach einer Schwangerschaft nicht in die staatlichen Schulen zurückkehren. Doch selbst in Ländern, in denen dies erlaubt ist, brechen viele nach einer Schwangerschaft die Schule ab. Das bedeutet für sie schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, finanzielle Abhängigkeit und geringere Entscheidungsmöglichkeiten.

Ich hoffe sehr, dass die Bundesregierung sich endlich einen Ruck gibt und stärker in die Aufklärung und Verhütung junger Menschen investiert. Die Frage, warum Jugendliche bei diesen Themen im Fokus stehen sollten, liegt auf der Hand, wenn man sich die aktuelle Bevölkerungsentwicklung anschaut. Frauen in Afrika bekommen im weltweiten Vergleich immer noch die meisten Kinder. Mehr, als sie sich tatsächlich wünschen. Dadurch wird die dortige Bevölkerung immer jünger und es steigt der Bedarf an Aufklärung und Verhütung. Es ist jetzt an der Zeit die entsprechenden Weichen zu stellen und gerade Mädchen und junge Frauen zu stärken. Mein Aufruf an die politischen Entscheider und Geldgeber lautet deshalb:

Lasst die Mädchen und jungen Frauen über ihr Leben und ihren Körper selbst entscheiden!

Wie die DSW das Thema Aufklärung und Verhütung in Kenia angeht, zeigt unser Video:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.