Obwohl sie die Hälfte der Weltbevölkerung direkt betrifft, spricht man selten darüber: die Menstruation. Das ist vor allem für junge Menschen ein Problem. In Tansania und Äthiopien weiß jede vierte junge Frau* nicht, was die Menstruation ist. Der Schreck ist also groß, wenn sie* zum ersten Mal Blutflecken an ihrer Kleidung entdeckt. Wie erleben Mädchen* und Frauen* in Ländern, in denen die DSW tätig ist, ihre Periode? Welche besonderen Hürden gibt es?

Eva Herrmann und Florian Paulus aus dem DSW-Projektteam geben Einblick, wie die Menstruation in DSW-Projekten thematisiert wird und wie die DSW die neuen Herausforderungen der COVID-19-Pandemie bewältigt.

 

Wie kommt es, dass so wenig über die Periode gesprochen wird? Ist die Menstruation ein Tabu?

Eva: Absolut. Die Menstruation ist fast überall auf der Welt ein Tabu. Nicht nur im Globalen Süden, auch in Deutschland bzw. Europa spricht man über das Thema Menstruation immer noch hinter vorgehaltener Hand – wenn überhaupt. Obwohl die Menstruation ja eigentlich die Hälfte der Menschheit betrifft.

Florian: Das Thema Menstruation wird in der Schule, im Freundeskreis und in der Familie selten besprochen. Wenn es doch mal zur Sprache kommt, verschließen Jungen und Männer oft die Ohren. Dadurch werden Mythen aber auch Scham aufrechterhalten.

Welche besonderen Schwierigkeiten beobachtet ihr in den DSW-Projektländern?

Eva: In einigen Traditionen gelten junge Frauen und Mädchen in der Zeit ihrer Menstruation als unrein. Sie gehen dann meist nicht in die Schule, wenn sie ihre Tage haben. Wenn doch, dann werden sie oft von Mitschüler*innen gehänselt. Wenn das Stigma um Menstruation so groß ist, gibt es meist auch wenig Beratungsangebote, wo junge Frauen ihre Fragen stellen können. Viele fühlen sich allein gelassen – und zwar jeden Monat aufs Neue.

Florian: Eine weitere Schwierigkeit ist, dass Menstruationsprodukte in unseren Projektländern oft verhältnismäßig teuer sind oder keine passenden Produkte zur Auswahl stehen. Manchmal leisten dann ein Stück Stoff oder Blätter Abhilfe. Das ist nicht immer hygienisch und kann Infektionen fördern. Außerdem gibt es in den Schulen häufig kein sauberes Wasser und Mülleimer, geschweige denn Privatsphäre. Auch deshalb bleiben Mädchen während ihrer Periode oft zuhause. In Kenia zum Beispiel verpassen Mädchen mehr als 50 Schultage im Jahr wegen ihrer Menstruation.

Eva: Man darf auch nicht vergessen, dass sich viele Mädchen und Frauen während ihrer Periode nicht isolieren können, selbst wenn sie es wollten. Wenn sie dann auch noch kein Geld für Binden haben, geraten viele in eine echte Notlage. Die Periode ist ein Tabu, niemand darf sie sehen, aber wie soll man sie ohne Binden oder Tampons verstecken? Weil sie keine andere Möglichkeit sehen, an Geld zu kommen, um zum Beispiel Menstruationshygieneprodukte zu kaufen, lassen sich vor allem jugendliche Frauen manchmal auf bezahlten Sex mit älteren Männern ein. Diese Fälle häufen sich leider durch die Corona-Pandemie, denn es werden weniger Binden verteilt und das Geld ist besonders knapp.

Siehe auch: Video Valerie – wenn Menstruationsprodukte wegen Armut fehlen [Anm. d. Redaktion]

Hat die DSW auf diese akute Zuspitzung reagiert?

Florian: Ja, auf jeden Fall. Viele Jugendklubs und Jugendzentren der DSW sind in dieser Zeit zur Überbrückung eingesprungen und haben Menstruationsprodukte verteilt, wo sie benötigt wurden.

Wie thematisiert die DSW die Menstruation sonst noch in der Projektarbeit?

Florian: Ganz konkret betreuen wir ein Programm in Uganda, in dem ein Jugendklub biologisch abbaubare Einwegbinden herstellt und diese kostengünstig anbietet. Dadurch verbessern wir nicht nur die Versorgung mit Binden. Wir schaffen auch Arbeitsplätze für Jugendliche.

Eva: Wir arbeiten auch auf politischer Ebene. 2017 hat sich die Regierung in Kenia per Gesetz verpflichtet, Produkte für Menstruationshygiene zur Verfügung zu stellen. Unsere kenianischen Kolleg*innen setzen sich dafür ein, dass der Staat seiner Verpflichtung nachkommt.

Florian: Wir thematisieren die Menstruation natürlich auch bei unserer „klassischen Arbeit“ also in unseren Jugendzentren und Jugendklubs. Dazu nutzen wir unseren Peer-to-Peer Ansatz: Gleichaltrige sprechen untereinander über das Thema Menstruation. Im nächsten Schritt bezieht die DSW auch das Umfeld von jungen Menschen mit ein. Dazu gehören Gespräche mit Familien und Dialoge in Gemeinden. In enger Zusammenarbeit mit dem Lehrpersonal organisieren wir Aufklärungsveranstaltungen in Schulen.

Nicht alles davon ist während Corona möglich…

Florian: Das stimmt. Wir mussten alle unsere Projekte umplanen. Die Jugendklubs und unsere Kolleg*innen vor Ort haben toll reagiert und Aufklärungsaktivitäten über soziale Medien, Radio und Gruppenchats durchgeführt. Sie haben auch dafür gesorgt, dass Trainingsinhalte digitalisiert werden.

Verändern die DSW-Projekte die Sichtweise auf die Menstruation? 

Florian: Es gibt zum Beispiel einige DSW-Jugendklubs, in denen die Jugendlichen gezielt Geld erwirtschaften, um damit Binden und Tampons zu kaufen. Diese werden dann kostenlos zur Verfügung gestellt. Generell ist uns wichtig, das Thema sichtbar zu machen. Durch Elterngespräche hat die DSW erreicht, dass sich unter anderem auch Väter mehr mit dem Thema Menstruation und der Gesundheit ihrer Töchter auseinandersetzen. Wenn wir das Tabu um die Menstruation beseitigen wollen, müssen wir das gesamtgesellschaftlich tun. Auch Männer sollten aktiv daran mitarbeiten!

Eva: Solange die Menstruation ein Tabu ist, sehen wir ganz klaren Handlungsbedarf. Auch seitens der Politik. Es sollte viel mehr Geld in die Hand genommen werden, damit Artikel für Menstruationshygiene überall leicht zu bekommen sind. Es muss auch viel besser zur Menstruation informiert werden, damit das Stigma um die Periode verschwindet. Unser Ziel ist, dass die Menstruation etwas ganz Normales und Alltägliches ist  in unseren Partnerländern aber auch hier in Deutschland und Europa. Man sollte nach einem Tampon genauso unverblümt fragen können wie nach einem Taschentuch.

Erläuterung: Weil auch Trans- und nicht-binäre Personen eine Menstruation erleben können und es auch Frauen gibt, die zum Beispiel keine Gebährmutter haben und deshalb keine Menstruation erleben können, haben wir in der Einleitung hinter geschlechtszuweisenden Substantiven oder Pronomen ein * gesetzt. Weil es in unserer Projektarbeit vornehmlich um die Gegenüberstellung der ungleichen gesellschaftlichen Rollen von Männern und Frauen geht, haben wir bei den Berichten aus den Projektländern darauf verzichtet.