[x_feature_headline type=”left” level=”h6″ looks_like=”h6″ icon=”bookmark”]Autor: Christoph Behrends[/x_feature_headline]

Am heutigen Weltbevölkerungstag leben 7,32 Milliarden Menschen auf der Welt. Das sind mehr als jemals zuvor. Und die Weltbevölkerung wächst weiter – wenn auch in geringerem Maße als noch vor einigen Jahren. Oft wird behauptet, dass es uns allen besser ginge, wenn weniger Menschen auf der Erde lebten und wenn die Weltbevölkerung nicht weiter wüchse. Das Weltbevölkerungswachstum sei schuld, etwa an den globalen Umweltproblemen und am Hunger. Diese Sicht verkennt, dass die Probleme, mit denen die Welt heute konfrontiert ist, oft weniger aus der Anzahl der Menschen resultieren als vielmehr daraus, wie sie leben und sich verhalten.

Das Beispiel Klimawandel: Europa stößt fast fünfmal so viel Kohlendioxid aus wie Afrika, obwohl in Europa fast 400 Millionen weniger Menschen leben. Europa trägt damit weit mehr zum Klimawandel bei als Afrika – weil wir in viel größerem Ausmaß fliegen, weil wir bauen, weil unsere Wunschprodukte „just in time“ im Supermarktregal verfügbar sein sollen. Dass die großen Industrienationen beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau das Ende des fossilen Zeitalters in Aussicht gestellt haben, ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Signal.

Ein großer Teil des Hungerproblems ließe sich allein dadurch lösen, dass Nahrungsmittel besser verteilt werden. 1,3 Milliarden Tonnen – fast ein Drittel – Lebensmittel gehen weltweit entweder verloren oder werden verschwendet. Wenn man diese Verschwendung um die Hälfte reduzieren würde, ließen sich eine Milliarde Menschen zusätzlich ernähren, und das Hungerproblem wäre weitgehend eingedämmt.

Das Weltbevölkerungswachstum als das Grundübel unserer Zeit zu sehen, mag verlockend einfach erscheinen, doch es steht einer differenzierten Betrachtung von Umwelt- und Entwicklungsfragen im Weg. Bevölkerungsdynamiken aus diesem Grund überhaupt nicht zu berücksichtigen, wäre aber genauso fatal. Denn hohe Geburtenraten können auf regionaler, lokaler und nationaler Ebene durchaus die Versorgung von Menschen zum Beispiel mit Schulen, Ausbildungsmöglichkeiten und Gesundheitsdiensten erschweren – allesamt wichtige Voraussetzungen einer nachhaltigen Entwicklung.

Die Ursachen in den Blick nehmen

Es ist kein Zufall, dass die Geburtenraten gerade in den ärmsten Erdregionen besonders hoch sind. Dort bekommen Frauen häufig mehr Kinder, als sie sich wünschen. Hohe Geburtenraten entstehen, wenn es an Bildung, Aufklärung und Beratung mangelt, wenn gerade Frauen und Mädchen kaum Zugang zu Gesundheitsdiensten haben, wenn ihnen keine oder nur unpassende Verhütungsmittel zur Verfügung stehen, wenn die Überlebenschancen von Kindern gering sind und wenn Armut und sexualisierte Gewalt weit verbreitet sind. Hohe Geburtenraten offenbaren die schwache Stellung von Mädchen und Frauen in Gesellschaften, und ungewollte Schwangerschaften zementieren diese Stellung. Gerade Mädchen, die aufgrund einer Schwangerschaft die Schule abbrechen müssen, schaffen es kaum, der Armutsfalle zu entrinnen.

Mehr als 220 Millionen Frauen in Entwicklungsländern würden gern verhüten, haben dazu aber keine Möglichkeit – und alle zwei Sekunden stirbt eine Frau oder ein Mädchen während der Schwangerschaft oder Geburt an Komplikationen, die sich vermeiden ließen. Weil kaum jemand hinschaut. Das Menschenrecht auf Gesundheit und auf körperliche Selbstbestimmung existiert für sie nur auf dem Papier.

Nägel mit Köpfen machen

Es ist unerlässlich, die Lebensumstände von Frauen und Mädchen in Entwicklungsländern zu verbessern. Nicht nur um ihrer selbst willen, sondern weil dies eine enorme Hebelwirkung für Entwicklung und Armutsbekämpfung hätte. Die Zahl der Hungernden würde um 100 bis 150 Millionen sinken, wenn Frauen in der Landwirtschaft denselben Zugang zu Produktionsmitteln wie Männer hätten – und die wirtschaftlichen Vorteile gehen in die Milliarden.

Dieses Jahr laufen die Millennium-Entwicklungsziele aus, die in den vergangenen 15 Jahren die internationale Entwicklungspolitik bestimmt haben. Die Ziele, die man sich im Bereich der Kinder- und Müttergesundheit gesetzt hatte, wurden verfehlt. Umso wichtiger ist es, dass die Welt spätestens im Jahr 2030 einen Punkt erreicht, an dem jeder Mensch Zugang zu Gesundheit, Aufklärung, freiwilliger Familienplanung und Schutz vor Diskriminierung und Gewalt erhält – unabhängig davon, wo er lebt. Für dieses Ziel haben wir uns mit vielen anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen politisch eingesetzt. Der aktuelle Entwurf der Post-2015-Agenda, die im September verabschiedet wird, lässt hoffen, dass die Welt mit mehr Nachdruck darauf hinarbeiten wird.

Dieser Artikel erscheint auch bei Huffington Post Deutschland sowie im Blog von ONE.