Äthiopien ist eines der zehn Länder der Welt mit den meisten im Wachstum zurückgebliebenen Kindern. Am wenigsten wird auf die Ernährung heranwachsender Mädchen geachtet, teils wegen der üblichen Vorurteile, teils weil es im sozialen Umfeld an Problembewusstsein mangelt. Überall im Land sind Kinderehen weit verbreitet, und verheiratete heranwachsende Mädchen, die selbst unter- oder mangelernährt sind, bekommen mit hoher Wahrscheinlichkeit untergewichtige Babys. Hier lauert der generationenübergreifende Teufelskreis der Unter- und Mangelernährung. Dies war einer der wichtigsten Gründe für die DSW, in einer zweijährigen BCC-Intervention (BCC = Behavioral Change Communication: Aufklärung, die Verhaltensänderungen herbeiführen soll) von 2013 bis 2015 das Thema sexualle und reproduktive Gesundheit (SRG) mit einem Programm zur Ernährungsberatung für Heranwachsende zu verknüpfen.

Anfangs konnten wir uns nicht vorstellen, dass wir mit dem erstmaligen Einsatz eines bis dato nicht erprobten Konzepts, das auf eine eingefahrene Gewohnheit in einer Bevölkerungsgruppe gerichtet war, in nur zwei Jahren ein optimales Ergebnis erzielen würden. Da wir in Äthiopien auf unsere sicheren Erfahrungen mit der Ansprache von Heranwachsenden und Jugendlichen in Bezug auf ihre SRG-Bedürfnisse aufbauen konnten, begannen wir bald in zehn ländlichen Bezirken, die sich gleichmäßig auf die beiden bevölkerungsreichsten Verwaltungsregionen des Landes, Amhara und Oromia, verteilten, mit der Umsetzung des Ernährungsberatungsprogramms für Heranwachsende. Wir entwickelten zwei unterschiedliche maßgeschneiderte Strategien, die jeweils einzeln bereits in zwei Projekten angewendet wurden, und kombinierten sie miteinander. Die Ergebnisse waren erfreulich.

Als sehr wirkungsvoll hat sich hier unsere Youth-to-Youth-Initiative (Y2Y) erwiesen, unsere zentrale Strategie für das Ernährungsberatungsprogramm ANSP (= Adolescent Nutrition Support Program). Die andere Strategie beruht auf dem Einsatz von sogenannten Change Agents. Mit deren Hilfe konnten mehr als zwanzigtausend verheiratete Mädchen dazu bewogen werden, ihre erste Schwangerschaft mithilfe von Langzeitverhütungsmitteln hinauszuzögern. In ähnlicher Weise erleichtern auch die Mitglieder der schulischen Jugendklubs, wenn sie mit Gleichaltrigen, Eltern und Lehrkräften über Ernährung sprechen, die Behandlung von heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen, die Symptome von Blutarmut erkennen lassen. Bei einer positiven Diagnose werden sie mit Nahrungsergänzungsmitteln versorgt. Jugendliche, die eine Schule besuchen, sind mit dem Thema SRG oft besser vertraut, weil sie untereinander häufiger darüber sprechen, dass der Menstruationszyklus zu Eisenmangel führt. Doch die Change Agents suchen routinemäßig auch Haushalte in den Gemeinden auf und sprechen dort mit verheirateten heranwachsenden Mädchen, die sich nur selten an außerhäuslichen gesellschaftlichen Aktivitäten beteiligen.

[x_custom_headline type=”left” level=”h3″ looks_like=”h3″] Gesunde Ernährung für eine starke Zukunft[/x_custom_headline]

Nach dem Start von ANSP besuchte ich einige der Gegenden, in denen die Intervention durchgeführt wurde. Ich war zutiefst beeindruckt von den Anstrengungen und dem hohen Engagement, die in so kurzer Zeit von Eltern, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern aufgebracht wurden, um sich an einer Intensivmaßnahme zu beteiligen, die das Wissen der Heranwachsenden in der Gemeinde über Ernährung, ihre Einstellungen dazu und ihre Ernährungsgewohnheiten verändern sollte.
Als das Projekt, das sich immer weiterentwickelte, ins zweite Jahr ging, organisierte die DSW beim Review-Meeting in der Region Amhara eine Veranstaltung zum Erfahrungsaustausch. Die dabei von uns präsentierten Forschungsergebnisse wurden von der Regionalregierung begutachtet. Dieselbe Regionalregierung würdigte auch die BCC-Strategien, die wir zur Umsetzung des Ernährungsberatungsprogramms für Heranwachsende entwickelt hatten. Dies steigerte meinen Enthusiasmus erneut und versetzte mich wieder in die gleiche Hochstimmung, die ich schon mehrere Monate zuvor bei Projektbeginn verspürt hatte.

Eine Frau, die als Haushaltsvorstand in Begleitung ihrer heranwachsenden Tochter an der Veranstaltung teilnahm und der ich vor über eineinhalb Jahren schon einmal begegnet war, erzählte mir diesmal eine andere, viel positivere Geschichte. „Ob die Kinder gesund sind, hängt allein davon ab, wie und was sie zu Hause zu essen bekommen“, sagte sie. Als ich sie fragte, inwiefern ihre vier heranwachsenden Kinder (zwei davon sind Mädchen) und ihre Gemeinde auf lange Sicht von dem Projekt profitierten, kam ihre Antwort schneller, als ich erwartet hatte. „Die Change Agents besuchen uns von Zeit zu Zeit und zeigen uns, wie man Nahrungsmittel anreichert und Mahlzeiten mit lebensnotwendigen Zutaten zubereitet, deren Nährwert wir lange Zeit nicht wahrgenommen haben und die doch um uns herum stets in rauen Mengen vorhanden sind.“ – „Heute“, sagte sie weiter, wird jede Mahlzeit zu Hause vorbereitet und gut gekocht, das Essen wird sauber aufbewahrt und bleibt erschwinglich. Unsere Kinder müssen keinen Tag auf verschiedene Getreidesorten verzichten. Diese finden sich im Brot oder in dem Eintopf, den wir öfter zubereiten als je zuvor.“ Noch bevor darüber informiert wurde, hatte diese Frau, eine 33-jährige Kleinbäuerin und Haushaltsvorstand, erkannt, wie sich die veränderten Ernährungsgewohnheiten auf die Gemeinschaft auswirkten.

Ich war beeindruckt von den positiven Effekten des Ernährungsberatungsprogramms für Heranwachsende in dieser kurzen Zeit. Es kam mir so vor, als bräuchte man den Menschen nur Grundkenntnisse über Ernährung zu vermitteln, damit sie ihr Verhalten und ihre Ernährungsgewohnheiten änderten.

Als sich das Ernährungsberatungsprogramm im August 2015 dem Ende der Pilotphase näherte, erhielten wir mehrere ernst gemeinte Anfragen von Kommunalverwaltungen, ob wir diese Intervention auf weitere Gemeinden ausweiten und aufstocken könnten. Wir werden auf jeden Fall die Möglichkeiten einer zukünftigen Ausweitung des Ernährungsberatungsprogramms für Heranwachsende prüfen.

Aufgrund unseres Erfolges taten sich das Gesundheitsministerium und das Bildungsministerium zusammen und trafen eine Vereinbarung mit UNICEF, das Programm zur Ernährungsberatung für Heranwachsende auszubauen. Die beiden Ministerien haben außerdem beschlossen, auf die von der DSW eingesetzten BCC-Strategien zurückzugreifen. Das Gesundheitsministerium will sich vor allem auf die Einbindung der SRG konzentrieren und mithilfe von Change Agents Haushalte aufsuchen, deren Mitglieder nicht so mobil sind. Der Dialog von Gleichaltrigen im schulischen Programm als Schlüsselkomponente für die Arbeit mit den Jugendklubs und die Entwicklung lebenspraktischer Fähigkeiten – beides sind Initiativen der DSW – sollen beim Bildungsministerium angesiedelt werden. Dieser gemeinsame Vorstoß, mit dem sich die Regierung das Projekt zueigen macht, ist hauptsächlich eine Quintessenz dessen, was die DSW mit dem Programm zur Ernährungsberatung für Heranwachsende bewirkt hat.

Feyera Assefa, Leiter des DSW-Länderbüros in Äthiopien

Feyera Assefa, Leiter des DSW-Länderbüros in Äthiopien

Von Feyera Assefa, Leiter des DSW-Länderbüros in Äthiopien