Sexualaufklärung für Zehn- bis 14-Jährige ist das nicht zu früh? Müssen junge Heranwachsende in diesem Alter denn all das schon wissen? Diese Fragen stellen sich viele Eltern und Lehrer. Aber die Realität zeigt, dass es überaus wichtig und notwendig ist, gerade in diesem Alter damit anzufangen, damit Jugendliche bewusst Entscheidungen für ihr Leben treffen können.
Besonders in Gesellschaften, wo selten bis gar nicht über Sexualität gesprochen wird, ist Aufklärung von jungen Heranwachsenden unabdingbar. Woher sollen junge Mädchen zum Beispiel wissen, was passiert wenn sie ihre erste Monatsblutung haben. Oder wenn ein anderer Jugendlicher oder gar ältere Männer mehr wollen als nur ein bisschen Nähe. Natürlich wissen die Jugendlichen einerseits ganz genau, was man unter „Sex“ versteht. Doch häufig wissen sie nicht, wie man sich verhält, wie man verhütet und wie man verhindern kann, in so jungen Jahren schon schwanger zu werden.
Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) hat sich daher im Jahr 2009 als eine der ersten internationalen Entwicklungsorganisationen dieser Zielgruppe gewidmet. Mit dem Young Adolescents Project wurde ein innovativer Projektansatz entwickelt, der verschiedene Projektzielgruppen wie GrundschülerInnen, LehrInnen, Eltern, GesundheitsmitarbeiterInnen und EntscheidungsträgerInnen in den Communities in gleichem Maße in den Fokus stellt.
Begonnen hat das das integrierte Aufklärungsprojekt an zehn Grundschulen in Uganda. Die Aufklärung fand dort in eingerichteten Jugendklubs statt, wo die Schüler und vor allem Schülerinnen frei waren, sich über das Erwachsenwerden und Sexualität auszutauschen. Das Projekt richtete sich aber nicht nur an die SchülerInnen, sondern auch an die LehrerInnen, die darin unterstützt wurden, ihren Sexualkundeunterricht jugendfreundlicher zu gestalten. Zudem gab es einige Fälle, in denen Jungen wie Mädchen von LehrerInnen sexuell belästigt wurden. Sie wussten oftmals nicht, wie sie mit so einer Situation umgehen sollten – und erst recht kannten sie nicht ihre Rechte.
Am Ende der vierjährigen Projektphase in Uganda waren wir begeistert von den Ergebnissen und Wirkungen: Als wir im Jahr 2011 die Projektergebnisse untersuchten, wussten 90 Prozent der SchülerInnen, wie sie sich vor einer Ansteckung mit HIV schützen können. Zu Beginn des Projekts war es lediglich ein Viertel der SchülerInnen. Und während 2008 noch 118 Mädchen frühzeitig die Schule verließen, waren es 2011 nur noch 29. In einem Handbuch haben wir besonders erfolgreiche und wirkungsvolle Methoden dargestellt. Das Handbuch haben wir nationalen und auch internationalen Organisationen zur Verfügung gestellt, so dass diese von unseren Erfahrungen lernen und ähnliche Maßnahmen in anderen regionalen Kontexten umsetzen konnten. Zudem hatten einige lokale EntscheidungsträgerInnen erkannt, dass die Aufklärung nicht früh genug stattfinden kann und setzten die Aktivitäten nach Projektabschluss sogar mit staatlichen Mitteln fort. Das war ein großer Erfolg in Sachen Nachhaltigkeit.
Für mich als damals zuständige Projektreferentin der DSW in Hannover war die Teilnahme an dem Abschlussworkshop in Kampala/Uganda ein besonderes Highlight. Zwischen vielen offiziellen Redebeiträgen von VertreterInnen des Gesundheitsministeriums, dem Projektkooperationspartner Bayer HealthCare Pharmaceuticals, der DSW sowie LehrerInnen und Eltern meldete sich ein Junge aus dem Publikum, der während seiner Grundschulzeit ebenfalls an den Aufklärungsaktivitäten des Young Adolescents Project teilgenommen hatte. Vor einem Publikum von etwa 100 TeilnehmerInnen sprach der Junge offen und selbstbewusst über seine Erfahrungen und darüber, wie sehr das Projekt sein Leben positiv verändert hatte. Er berichtete, dass sich seine Beziehung zu seinen Eltern deutlich verbessert hatte, dass er keine Angst mehr hatte, über Tabuthemen wie Sexualität und Verhütung offen zu sprechen, und dass er mit dem bevorstehenden Schulwechsel vorhatte, in der weitergehenden Schule selbst einen Jugendklub zu gründen und so sein Wissen an andere Jugendliche weiterzugeben. Ich war beeindruckt von dem Mut und Selbstbewusstsein dieses Jungen und fühlte mich zugleich ein weiteres Mal von dem Erfolg unseres Projektansatzes und dessen Nachhaltigkeit bestätigt.
Dank der langjährigen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Bayer HealthCare Pharmaceuticals war es möglich, das Projekt im Jahr 2013 an zehn weiteren Grundschulen in der Küstenregion Kenias auszuweiten. Der Ansatz blieb derselbe, wobei die geplanten Maßnahmen den kulturellen Kontext der eher muslimisch geprägten Küstenregion angepasst wurden. Dank des unermüdlichen Einsatzes der Stiftungsmitarbeitenden vor Ort gelang es in kürzester Zeit ähnliche Erfolge zu erzielen, und auch hier zeigten die Evaluationsergebnisse zum Abschluss der dreijährigen Projektlaufzeit ähnliche Wirkungen: LehrerInnen bestätigten, dass es an den Projektschulen weniger Schwangerschaften und Schulabbrüche gab. Dank des gewonnenen Selbstbewusstseins schnitten die ProjektteilnehmerInnen besser in der Schule ab als andere SchülerInnen. Mädchen wurden während ihrer Regelblutung mit Monatsbinden versorgt, so dass sie weiterhin zur Schule gehen konnten. Eltern sprechen seither mit ihren Kindern offener über Sexualität und Verhütung und gehen besser auf ihre Belange ein.

Für mich ist das Young Adolescents Project ein Leuchtturmprojekt mit großer Wirkung und Nachhaltigkeit. Für die wertvolle Aufklärungsarbeit, die die DSW in Ostafrika seit 25 Jahren leistet, wünsche ich weiterhin alles, alles Gute und viel Erfolg.

Von Sonja Bruning, ehemalige DSW-Projektreferentin