Eine 14-jährige Braut in Indonesien.
Kinderehe: Eine 14-jährige heiratet in der indonesischen Provinz Nusa Tenggara Barat. Foto: UN WOMEN Asia & The Pacific (CC BY-NC-ND 2.0)

5 Fragen – 5 Antworten zu Kinderehen

Ute Stallmeister Blog, Jugendliche, Müttergesundheit, Weibliche Genitalverstümmelung 0 Comments

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. In diesem Jahr steht die mangelnde Chancengleichheit von Mädchen und Frauen im Mittelpunkt. Vor allem Kinderehen sind es, die Millionen von Mädchen ihre Chancen im Leben verbauen. Unter welchen Folgen müssen die Kinderbräute leiden, und was lässt sich gegen diese verbreitete Praktik tun?

Kommen Kinderehen nur in armen Ländern vor?

Kinderehen gibt es auf der ganzen Welt: auf jedem Kontinent, in jeder Kultur und in jeder Religion. Sogar in den Industrieländern – etwa in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien – kommen sie vor. Von allen im Kindesalter verheirateten Mädchen weltweit leben dort zwei Prozent (siehe Grafik). Am verbreitetsten sind Kinderehen jedoch in Entwicklungsländern. Denn einer der wichtigsten treibenden Faktoren ist die Armut. Besonders viele Kinderehen gibt es in Südasien – allein in Indien lebt jedes dritte der verheirateten Mädchen weltweit.

Grafik Kinderehen

Global geht die Verbreitung von Kinderehen allmählich zurück: 1980 war noch jedes dritte Mädchen mit 18 Jahren verheiratet, heute ist es nur noch jedes vierte. Doch: In einigen Ländern Südasiens und Afrikas südlich der Sahara werden noch immer mehr als die Hälfte der Mädchen als Kind verheiratet – in Niger und Bangladesch sind es sogar rund drei Viertel. Viele von ihnen sind noch nicht einmal 15 Jahre alt!

Sind ausschließlich Mädchen von Kinderehen betroffen?

Man spricht von einer Kinderehe, wenn mindestens einer der Partner das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Das kann sowohl ein Mädchen als auch ein Junge sein. In der großen Mehrheit sind es jedoch Mädchen. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, geht davon aus, dass etwa 82 Prozent der jährlich 15 Millionen Kinderehen auf Mädchen entfallen und 18 Prozent auf Jungen.

Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Frauen und Männer beim Mindestheiratsalter nicht gleichgestellt sind. In 146 Staaten erlaubt das Landes- oder Gewohnheitsrecht Mädchen unter 18 Jahren, mit Zustimmung der Eltern oder anderer Instanzen zu heiraten. In 52 Ländern können sogar Mädchen unter 15 Jahren mit elterlicher Erlaubnis heiraten. Jungen hingegen dürfen in 180 Ländern erst mit 18 Jahren heiraten. Auch gesellschaftlich ist eine frühere Heirat von Mädchen oft eher akzeptiert als die von Jungen.

Warum werden Kinderehen geschlossen?

Eltern möchten – besonders wenn sie arm sind – mit einer Kinderehe die Zukunft ihrer Töchter absichern. Denn gerade in Entwicklungsländern haben Mädchen oft kaum Chancen auf ein eigenes Einkommen und damit ein eigenständiges Leben. Manche Familien möchten durch Kinderehen Bündnisse schließen oder festigen, Schulden begleichen oder Streitigkeiten beilegen. Einige hoffen, dass ihre Kinder genug eigene Kinder bekommen, damit sie im Alter versorgt sind. In extremen Fällen wollen Eltern mit dem Verkauf des Mädchens Geld verdienen. In einigen Regionen entscheiden sich Eltern für eine frühe Heirat ihrer Töchter, weil dort für jüngere Bräute weniger Mitgift gezahlt werden muss als für ältere Bräute.

In humanitären Krisen und Kriegswirren schnellt die Zahl von Kinderehen oft in die Höhe. Denn Eltern sehen in einer frühen Heirat eine Möglichkeit, ihre Töchter vor sexueller Gewalt zu schützen, die in solchen Situationen oft an der Tagesordnung ist.

Welche Folgen hat eine Kinderehe für die Mädchen?

Sobald ein Mädchen heiratet, wird meist von ihm erwartet, dass es bald ein Kind bekommt. Ungefähr 90 Prozent der Teenagerschwangerschaften in Entwicklungsländern entfallen auf verheiratete Mädchen. Wird ein Mädchen schwanger, bevor sein Körper ausgereift ist, hat das jedoch oft schwerwiegende Auswirkungen auf seine Gesundheit. Häufig kommt es zu Komplikationen bei der Schwangerschaft oder Geburt, die für rund 70.000 Mädchen in Entwicklungsländern den Tod bedeuten – jedes Jahr! Für Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren ist dies sogar eine der häufigsten Todesursachen.

Wenn ein Mädchen heiratet, muss es zudem oft die Schule oder Ausbildung abbrechen. Das verringert die ohnehin oft mangelnden Chancen auf eine gute Bildung und darauf, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Kinderbräute haben es somit besonders schwer, der Armut zu entkommen.

Und: Im Vergleich zu älteren Frauen sind Kinderbräute aufgrund ihrer schwächeren Position, die sich oft allein aus dem Altersunterschied zum Ehemann ergibt, häufiger häuslicher Gewalt, sexuell übertragbaren Infektionen wie zum Beispiel HIV und ungewollten Schwangerschaften ausgesetzt. Heiraten ist kein Kinderspiel!

Was kann man gegen Kinderehen tun?

Gegenüber Kinderehen darf es keine Toleranz geben. Die meisten Länder haben bereits Gesetze gegen Kinderehen erlassen. Aber solange diese Gesetze nicht durchgesetzt und nicht von der Bevölkerung unterstützt werden, bewirken sie wenig. Deshalb ist es wichtig, insbesondere auf kommunaler Ebene darauf hinzuwirken, dass Kinderehen nicht länger gesellschaftlich akzeptiert werden.

Aber wie? Zum Beispiel …

  • … durch Programme für kommunale Entscheidungsträger, religiöse Führer und Eltern, damit sie die Rechte und die Bildung von Mädchen ebenso wie spätere Eheschließungen unterstützen.
  • … durch Programme, die Mädchen Alternativen zu frühen Eheschließungen eröffnen – einschließlich der Bereitstellung geschützter Räume, in denen Mädchen Selbstvertrauen aufbauen, Schlüsselqualifikationen erwerben und Lebensentwürfe jenseits von früher Eheschließung und früher Mutterschaft durchspielen können.
  • … indem Vollzugsbeamte darin ausgebildet werden, Fälle von Kinderehen zu erkennen, zu handhaben und die Täter gemäß der Gesetzeslage zur Verantwortung zu ziehen.

Entscheidend ist zudem, die Gleichstellung der Geschlechter voranzutreiben und gegen die extreme Armut anzugehen, da sie einer der wichtigsten Gründe für Kinderehen ist. Dazu gehören etwa soziale Sicherheitsnetze für Mädchen und deren Familien, ein verbesserter Zugang zu Bildung, zu Gesundheitsversorgung und zu wirtschaftlichen Chancen.

Die heute 17-jährige Tumaini floh vor einer Ehe, die bereits vor ihrer Geburt arrangiert worden war. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

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