Rose mit Messer als Symbol für weibliche Genitalverstümmelung
Etwa 200 Millionen Mädchen und junge Frauen sind genital verstümmelt

5 Fragen – 5 Antworten zu weiblicher Genitalverstümmelung

Denny Ehrlich Blog, Weibliche Genitalverstümmelung 11 Comments

Der 6. Februar ist der internationale Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen leben. Was hat es mit der Praxis auf sich? Hat das mit Religion zu tun, oder ist es eine Tradition? Und was kann man dagegen tun? Hier sind fünf Fragen und fünf Antworten zum Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung.

1. Warum Verstümmelung und nicht Beschneidung?

Bis in die 80er Jahre hinein war in weiten Kreisen tatsächlich noch von weiblicher Beschneidung die Rede. Viele Organisationen drängten aber darauf, den Begriff der Genitalbeschneidung durch Genitalverstümmelung zu ersetzen. Das Argument liegt auf der Hand: Beschneidung erinnert sehr an die männliche Praxis, bei der lediglich die Vorhaut abgetrennt wird. Bei Mädchen und Frauen wird hingegen zum Teil das gesamte äußere Genital entfernt. Der Begriff Verstümmelung entspricht viel eher dem, was in Wirklichkeit passiert. Zudem zeigt der Begriff ganz klar, dass weibliche Genitalverstümmelung das Menschenrecht der körperlichen Unversehrtheit verletzt.

Aus Rücksicht auf die Opfer sprechen wir jedoch von beschnittenen und nicht von verstümmelten Frauen.

2. Was passiert bei der Genitalverstümmelung?

Schaubild der unterschiedlichen Beschneidungsformen bei weiblicher Genitalverstümmelung nach WHO

Beschneidungsformen (nach WHO): A Normale Anatomie, B Klitorisvorhaut und gegebenenfalls Klitoris wurden entfernt, C Klitorisvorhaut und gegebenenfalls Klitoris sowie die inneren Schamlippen wurden entfernt, D Klitorisvorhaut und Klitoris sowie die Schamlippen wurden entfernt und die Vaginalöffnung teilweise zugenäht. (Quelle: Wikipedia)

Ganz so pauschal lässt sich das nicht sagen, denn es gibt viele Formen der Genitalverstümmelung (siehe Abbildung rechts), die auch unterschiedlich durchgeführt werden können. Die schmerzhafteste und mit Abstand gefährlichste Form ist die pharaonische Genitalverstümmelung, die von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt werden.

Oft sind es noch kleine Mädchen, denen ohne jegliche Betäubung unter größten Schmerzen mit unsterilisierten Messern oder Glasscherben weitflächig der Genitalbereich abgeschnitten wird. Die Wunde wird beispielsweise mit Akaziendornen oder Pferdehaar vernäht. Übrig bleibt eine kleine Öffnung für die Körperflüssigkeiten, die beispielsweise mit einem dünnen Zweig geschaffen wird. Viele Mädchen und Frauen verbluten dabei oder sterben später beispielsweise an einem Wundstarrkrampf. Den Opfern werden etwa einen Monat lang die Beine verbunden, damit die Wunde heilt.

Allerdings gibt es auch ganz andere Formen: In Ägypten, wo 87 Prozent der Frauen beschnitten sind, werden fast die Hälfte aller Eingriffe von Ärzten vorgenommen. Die­ser „medi­zi­ni­sche“ Ein­griff redu­ziert zwar das Ster­be­ri­siko und ver­min­dert die Neben­wir­kun­gen für die Mäd­chen und Frauen. Eine Men­schen­rechts­ver­let­zung bleibt diese Form der Geni­tal­ver­stüm­me­lung aber dennoch. Neben den körperlichen Beschwerden haben die Frauen oft ein Leben lang mit psychischen Problemen zu kämpfen.

3. Ist Genitalverstümmelung eine islamische Praxis?

Häufig heißt es, Genitalverstümmelung sei gängige Praxis im Islam. Diese Behauptung stimmt jedoch nicht. Im Koran heißt es in Sure 95,4: „Wahrlich, wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.“ Auch in vorwiegend christlichen Ländern wie Äthiopien sind mehr als 70 Prozent und in Sierra Leone sogar 90 Prozent der Mädchen und Frauen beschnitten. Die Religion wird zwar oft als Grund vorgeschoben, auch von den religiösen Würdenträgern selbst, doch es ist vielmehr eine traditionelle Praktik, die vor allem in Ländern Afrikas und des Mittleren Ostens durchgeführt wird. Sie gilt vielerorts als wichtiger Übergang vom Mädchen zur Frau.

4. Warum wird die Genitalverstümmelung dann durchgeführt?

Die weibliche Genitalverstümmelung ist Tradition, die vor allem die starke Rolle des Mannes untermauert. Da die Frau je nach Beschneidungsform wenig bis keine sexuelle Lust verspürt und häufig beim Sex starke Schmerzen hat, soll die Genitalverstümmelung sie zudem vorm Fremdgehen „schützen“.

Häufig sind aber Frauen und Mütter in einer Gesellschaft dafür verantwortlich, dass sich ihre Töchter der grausamen Praktik unterziehen müssen. Damit sich die Mäd­chen nicht weh­ren kön­nen oder sich ableh­nend ver­hal­ten und damit die Beschnei­dun­gen vor staatlicher Verfolgung geschützt sind – denn mitt­ler­weile ist weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung in vie­len Län­dern ver­bo­ten –, wer­den sie häu­fig schon in ganz jun­gen Jah­ren beschnitten.

Grafik: Verbreitung von Genitalverstümmelung in ausgewählten Ländern

5. Was kann man dagegen tun?

Aufklärung und Frauen stärken, Frauen stärken und nochmals Frauen stärken. Denn wenn Frauen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilnehmen, ihr eigenes Einkommen verdienen und damit unabhängig vom Einkommen ihres Mannes werden, wird dieser Tradition eine wichtige Grundlage genommen. Frauen müssen zudem die Chance bekommen, ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht wahrzunehmen.

Ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt sind die Beschneiderinnen: Sie verdienen oft viel Geld mit ihrer Tätigkeit – und brauchen alternative Einkommensmöglichkeiten.

Eine strafrechtliche Verfolgung hilft, allerdings müssen die staatlichen Gesetzgebungen auch umgesetzt werden. Zwar haben seit 1997 über 20 afrikanische Länder ein Gesetz gegen Genitalverstümmelung erlassen, doch häufig wird diese aufgrund fehlender Strafverfolgung weiterhin praktiziert.

Grafik: Gesetze gegen weibliche Genitalverstümmelung in Afrika und Indonesien 2016

Die Grafik zeigt, in welchen Ländern, in denen weltweit weibliche Genitalverstümmelung verbreitet ist, Gesetze gegen die Praxis bestehen.

Aufklärungstheater zu weiblicher Genitalverstümmelung

Die Jugendlichen in den Projekten der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) klären ihre Gemeinde spielerisch über die Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung auf.

Wichtig ist es, dass sich die lokalen Autoritäten dafür stark machen, die Genitalverstümmelung zu beenden: Dorfvorsteher, religiöse Würdenträger und auch das Gesundheitspersonal. Denn Studien zeigen, dass die Genitalverstümmelung am schnellsten beendet werden kann, wenn die Gemeinden von sich aus damit aufhören. Das kann sich auch in kulturell alternativen Zeremonien für Mädchen und Frauen ausdrücken. Diese Veränderungen sind vor allem dann möglich, wenn die Hüter dieser Traditionen selbst dafür eintreten.

Eine große Chance bietet auch die junge Bevölkerungsstruktur der betroffenen Länder. Sie haben die Möglichkeit, die alten Strukturen aufzubrechen und sich gegen die Genitalverstümmelung zu wenden, und damit die nachfolgenden Generationen vor diesem Leid zu bewahren. Dieser Meinung ist auch eine der bekanntesten Aktivistinnen gegen Genitalverstümmelung, Waris Dirie.

So engagiert sich die DSW gegen Genitalverstümmelung

In unseren Jugendklubs sprechen junge Menschen über die Genitalverstümmelung und machen sich für eine neue Gesellschaft stark, an der Jungen und Mädchen gleichberechtigt teilnehmen. Außerdem gehen sie in die Gemeinden und zeigen beispielsweise in selbst gestalteten Theaterstücken vor großem Publikum auf der Straße, wie es einer jungen, beschnittenen Frau ergeht. Sie halten der Gesellschaft so den Spiegel vor und erzeugen damit Einsicht und Veränderungsbereitschaft. Die 16-jährige Esuphat (Name geändert) aus einem Jugendklub der DSW in Tansania erlebte die Schrecken und Folgen der Praxis am eigenen Leib. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Unsere Geschäftsführerin Renate Bähr, sprach auf Deutschlandradio Kultur über Entwicklungen und Fortschritte im Kampf gegen FGM.

Quellen:

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen am 04.02.2015

Comments 11

  1. Eines Tages begegnete Mohammed der zum Islam konvertierten muqaṭṭiʿatu l-buẓūr (amputatrice di clitoridi, coupeuse de clitoris, cutter of clitorises), der Frauenbeschneiderin Umm ʿAṭiyya. Die Gottgehorsame befragte den Propheten nach der religiösen Rechtmäßigkeit ihrer täglichen Arbeit und Allahs Sprecher stellte fest:

    أشمِّي ولا تنهَكي
    ašimmī wa-lā tanhakī
    [Cut] slightly and do not overdo it
    [Schneide] leicht und übertreibe nicht

    Oder Mohammed verkündete den Willen des Himmels so:

    اختفضن ولا تنهكن
    iḫtafiḍna wa-lā tanhikna
    Cut [slightly] without exaggeration
    Schneide [leicht] und ohne Übertreibung

    1. Fakt ist, dass keine Religion FGM fordert oder duldet. Der Koran erwähnt weder die Beschneidung von Frauen noch diejenige von Männern. Die Sure 95, 4 lautet: „Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.“ Die Sunna, die Sie zitieren, sind nur die überlieferten Gewohnheiten des Propheten – die gelten lediglich als Richtlinie für das Leben und sind nicht gleichbedeutend zum Koran.
      Und obwohl FGM oft als mit dem Islam verbunden angesehen wird, ist es eine Praktik, die im „Namen“ von vielen Religionen ausgeübt wird. Beschneidungen kommen bei Muslimen, Christen, bei Juden und Anhänger bestimmter traditioneller Afrikaner Religionen vor.
      FGM ist also eher eine kulturelle als eine religiöse Praxis.

  2. Pingback: Psychologische Folgen weiblicher Genitalverstümmelung

  3. Pingback: Waris Dirie im Interview: "Die Folter beenden" - DSW

  4. Danke, Wilm Hilversum, Sie haben natürlich Recht: die weibliche Beschneidung ist – auch – ein sehr islamisches Problem.

    1. Erstmals in der Geschichte der USA beginnt im April 2017 ein Strafprozess nach 18 USC 116 (female genital mutilation), nachdem in Detroit, Michigan, die Ärztin Dr. Jumana Nagarwala sowie die Eheleute Attar angezeigt worden sind. Die drei Beschuldigten sind Angehörige der schiitischen Dawudi Bohra.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Genitalverst%C3%BCmmelung

      Jumana Nagarwala

      External Links and Further Reading

      The criminal complaint against Dr. Nagarwala

      The criminal complaint against Dr. Attar et al.

      https://en.wikipedia.org/wiki/Jumana_Nagarwala

  5. Pingback: Waris Dire, Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung im Interview

  6. Pingback: #67 Wiederherstellender Eingriff für Opfer weiblicher Genitalverstümmelung | 365 gute Dinge

  7. Seltsam dass in diesem Artikel Indonesien mit keinem Satz erwähnt wird obwohl dort fast alle muslimischen Frauen beschnitten sind.

    1. Lieber Herr Ulrich,
      Indonesien wird zwar nicht explizit erwähnt, jedoch weisen wir im Schaubild zur Verbreitung darauf hin, dass Genitalverstümmelung in rund 30 Ländern Afrikas, des mittleren Ostens und Asiens praktiziert wird – was Indonesien mit einschließt. Zudem wird das Land im zweiten Schaubild zur “Gesetzeslage” separat dargestellt. Da die DSW derzeit ausschließlich Projekte in Ostafrika durchführt, liegt der Schwerpunkt unserer Beiträge natürlich auf dieser Region.

  8. Das ist mir total unverständlich warum sowas gemacht wird und befürwortete wird
    Warum wird so was immer noch im 21 Jahundert getan

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