Weibliche Genitalverstümmelung
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen leben.

5 Fragen – 5 Antworten zu weiblicher Genitalverstümmelung

Mareike Döring Blog, Weibliche Genitalverstümmelung 21 Comments

Der 6. Februar ist der internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen leben. Was hat es mit der Praxis auf sich? Hat sie etwas mit Religion zu tun? Und was kann man dagegen tun? Hier sind fünf Fragen und fünf Antworten zum Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung.

1. Warum Verstümmelung und nicht Beschneidung?

Bis in die 80er Jahre hinein wurde noch häufig von weiblicher Beschneidung gesprochen. Entwicklungsorganisationen und Aktivist*innen drängten jedoch darauf, den Begriff durch „Genitalverstümmelung“ zu ersetzen. Das Argument:
Bei der Beschneidung von Jungen oder Männern wird die Vorhaut des Penis abgetrennt. Bei Mädchen und Frauen hingegen ist das gesamte äußere Genital betroffen. So wäre das männliche Pendant zur weiblichen Genitalverstümmelung näher an der Kastration als an der Beschneidung. Die Verwendung des Begriffs Genitalverstümmelung soll zudem klar zeigen, dass bei dem Eingriff das Menschenrecht der körperlichen Unversehrtheit verletzt wird.

Wenn es nicht um die grausame Praktik selbst, sondern um ihre Opfer geht, sprechen wir aus Respekt vor jenen, die den Eingriff erleben mussten, von beschnittenen und nicht verstümmelten Frauen.

2. Was passiert bei der Genitalverstümmelung?

Varianten von weiblicher GenitalverstümmelungPauschal lässt sich das nicht sagen, denn es gibt viele Formen der Genitalverstümmelung (siehe Abbildung, die auch unterschiedlich durchgeführt werden. Die schmerzhafteste und mit Abstand gefährlichste Form ist die pharaonische Genitalverstümmelung, die normalerweise von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt wird.

Meist sind die Mädchen jünger als 15 Jahre, wenn ihnen mit einem unsterilisierten Messer oder einer Glasscherbe der Genitalbereich abgeschnitten wird. Eine Betäubung bekommen die Meisten nicht. Nachdem die Wunde vernäht wurde, bleibt ihnen nur eine kleine Öffnung für Urin und Menstruationsblut. Für etwa einen Monat werden ihnen die Beine verbunden, damit die Wunde heilen kann. Viele Mädchen und Frauen verbluten dabei oder sterben später an den Folgen, wie beispielsweise Wundstarrkrampf oder Tetanus.

Allerdings gibt es auch andere Formen: In Ägypten, wo 87 Prozent der Frauen beschnitten sind, wird fast die Hälfte aller Eingriffe von Ärzt*innen vorgenommen. Die­ser „medi­zi­ni­sche“ Ein­griff redu­ziert zwar das Ster­be­ri­siko und ver­min­dert die Neben­wir­kun­gen für die Mäd­chen und Frauen. Eine Men­schen­rechts­ver­let­zung bleibt es aber dennoch. Neben den körperlichen Beschwerden haben die Frauen oft ein Leben lang mit den psychischen Folgen zu kämpfen.

3. Ist Genitalverstümmelung eine islamische Praxis?

Häufig heißt es, Genitalverstümmelung komme aus dem Islam. Diese Behauptung stimmt jedoch nicht. Im Koran heißt es in Sure 95,4: „Wahrlich, wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.“ Im vorwiegend christlichen Äthiopien sind mehr als 70 Prozent und in Sierra Leone sogar 90 Prozent der Mädchen und Frauen beschnitten. Die Religion wird zwar oft als Grund vorgeschoben, auch von den religiösen Meinungsführer*innen selbst, doch es ist vielmehr eine traditionelle Praktik, die vor allem in Ländern Afrikas und des Mittleren Ostens durchgeführt wird und älter ist als Islam oder Christentum. Dies belegen unter anderem mumifizierte Körper pharaonischer Prinzessinnen.

4. Warum wird die Genitalverstümmelung durchgeführt?

Weibliche Genitalverstümmelung ist Teil eines Übergangsrituals vom Mädchen zur Frau. Es passiert jedoch nicht immer im Jugendalter. Denn damit sich die Mäd­chen nicht dazu äußern können oder sogar von den vielerorts bestehenden Gesetzen Gebrauch machen, wer­den sie häu­fig schon in ganz jun­gen Jah­ren beschnitten.

Es  ist eine Tradition, die tief in den Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit verwurzelt ist. Unter der Ostafrikanischen Volksgruppe Massai gelten unbeschnittene Frauen beispielsweise als unrein und damit für den Heiratsmarkt als wertlos. Und noch ein Aspekt spielt eine wichtige Rolle: Da der Geschlechtsverkehr für die meisten beschnittenen Frauen große Schmerzen mit sich bringt, soll es sie davor „schützen“ ihren Ehemann zu betrügen.

Wenn die Rolle der Ehefrau für ein Mädchen die einzige Perspektive ist, ist die Heiratsfähigkeit (und damit die Beschneidung) für Eltern auch eine Form der Absicherung ihrer Tochter. Für die Fortführung dieser Begründung spielen die Frauen in den Gemeinde eine wichtige Rolle: Der Eingriff wird unter Ausschluss von Männern durchgeführt und häufig von der eigenen Mutter forciert.

5. Was kann man dagegen tun?

Demonstration gegen weibliche Genitalverstümmelung in ArushaAufklärung! Und außerdem: Frauen stärken, Frauen stärken und nochmals Frauen stärken. Denn wenn Frauen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilnehmen, ihr eigenes Einkommen verdienen und damit auch finanziell unabhängig sind, wird dieser Tradition eine wichtige Grundlage genommen. Wenn ihr Recht auf Unversehrtheit sowie körperliche und sexuelle Selbstbestimmung gewahrt wird, können sie sich entfalten und zu Fürsprecherinnen ihrer eigenen Bedürfnisse werden.

Hierfür müssen sich auch die lokalen Autoritäten wie Dorfvorsteher, religiöse Meinungsführer*innen und Gesundheitspersonal stark machen. Informationen, Diskussionen und kritische Reflexion gehören also genauso dazu, wie der Erlass von Gesetzen. Das kann sich auch in alternativen Zeremonien für Mädchen ausdrücken, die zwar den Übergang zum Erwachsenwerden markieren, aber die Mädchen nicht verletzen.

Ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt ist auch die Beschneiderin: Zum einen verdient sie ihren Lebensunterhalt mit der Durchführung dieser Zeremonie. Zum anderen ist sie durch hierdurch ein angesehenes Mitglied ihrer Gemeinschaft. Wenn sie Zugang zu anderer Arbeit sowie zu Informationen über Genitalverstümmelung bekommt, kann sie zu einer wirkungsvollen Advokatinnen gegen die Praktik werden.

Mehr dazu:

Grafik zur Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung weltweit 2016Grafik zur Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung weltweit 2016
Grafik: Gesetze gegen weibliche Genitalverstümmelung in Afrika und Indonesien 2016Grafik: Gesetze gegen weibliche Genitalverstümmelung in Afrika und Indonesien 2016
Grafik: Verbreitung von Genitalverstümmelung in ausgewählten LändernGrafik: Verbreitung von Genitalverstümmelung in ausgewählten Ländern

Dieser Beitrag ist erschienen am 04.02.2019

Comments 21

  1. Eines Tages begegnete Mohammed der zum Islam konvertierten muqaṭṭiʿatu l-buẓūr (amputatrice di clitoridi, coupeuse de clitoris, cutter of clitorises), der Frauenbeschneiderin Umm ʿAṭiyya. Die Gottgehorsame befragte den Propheten nach der religiösen Rechtmäßigkeit ihrer täglichen Arbeit und Allahs Sprecher stellte fest:

    أشمِّي ولا تنهَكي
    ašimmī wa-lā tanhakī
    [Cut] slightly and do not overdo it
    [Schneide] leicht und übertreibe nicht

    Oder Mohammed verkündete den Willen des Himmels so:

    اختفضن ولا تنهكن
    iḫtafiḍna wa-lā tanhikna
    Cut [slightly] without exaggeration
    Schneide [leicht] und ohne Übertreibung

    1. Fakt ist, dass keine Religion FGM fordert oder duldet. Der Koran erwähnt weder die Beschneidung von Frauen noch diejenige von Männern. Die Sure 95, 4 lautet: „Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.“ Die Sunna, die Sie zitieren, sind nur die überlieferten Gewohnheiten des Propheten – die gelten lediglich als Richtlinie für das Leben und sind nicht gleichbedeutend zum Koran.
      Und obwohl FGM oft als mit dem Islam verbunden angesehen wird, ist es eine Praktik, die im „Namen“ von vielen Religionen ausgeübt wird. Beschneidungen kommen bei Muslimen, Christen, bei Juden und Anhänger bestimmter traditioneller Afrikaner Religionen vor.
      FGM ist also eher eine kulturelle als eine religiöse Praxis.

  2. Pingback: Psychologische Folgen weiblicher Genitalverstümmelung

  3. Pingback: Waris Dirie im Interview: "Die Folter beenden" - DSW

  4. Danke, Wilm Hilversum, Sie haben natürlich Recht: die weibliche Beschneidung ist – auch – ein sehr islamisches Problem.

    1. Erstmals in der Geschichte der USA beginnt im April 2017 ein Strafprozess nach 18 USC 116 (female genital mutilation), nachdem in Detroit, Michigan, die Ärztin Dr. Jumana Nagarwala sowie die Eheleute Attar angezeigt worden sind. Die drei Beschuldigten sind Angehörige der schiitischen Dawudi Bohra.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Weibliche_Genitalverst%C3%BCmmelung

      Jumana Nagarwala

      External Links and Further Reading

      The criminal complaint against Dr. Nagarwala

      The criminal complaint against Dr. Attar et al.

      https://en.wikipedia.org/wiki/Jumana_Nagarwala

    2. Ich bin eine muslimische Frau und diese Art von Gewalt hat rein gar nichts mit meiner Religion zu tun! Was haben die Menschen immer gegen den Islam? Zuerst jagen wir Bomben hoch und jetzt auch noch das! Eine Frechheit ist das.

  5. Pingback: Waris Dire, Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung im Interview

  6. Pingback: #67 Wiederherstellender Eingriff für Opfer weiblicher Genitalverstümmelung | 365 gute Dinge

  7. Seltsam dass in diesem Artikel Indonesien mit keinem Satz erwähnt wird obwohl dort fast alle muslimischen Frauen beschnitten sind.

    1. Lieber Herr Ulrich,
      Indonesien wird zwar nicht explizit erwähnt, jedoch weisen wir im Schaubild zur Verbreitung darauf hin, dass Genitalverstümmelung in rund 30 Ländern Afrikas, des mittleren Ostens und Asiens praktiziert wird – was Indonesien mit einschließt. Zudem wird das Land im zweiten Schaubild zur “Gesetzeslage” separat dargestellt. Da die DSW derzeit ausschließlich Projekte in Ostafrika durchführt, liegt der Schwerpunkt unserer Beiträge natürlich auf dieser Region.

  8. Das ist mir total unverständlich warum sowas gemacht wird und befürwortete wird
    Warum wird so was immer noch im 21 Jahundert getan

  9. Ich kann die Argumentation in diesem Artikel nicht nachvollziehen.
    1. Sie schreiben: “…bei der lediglich die Vorhaut [des Penis] abgetrennt wird.”
    Gibt es eine Rangfolge, nach der Körperteile bewertet werden? Was legitimiert Sie, die Penisvorhaut eines Jungen als disponibel, als verzichtbar, als “abschneidewürdig” zu deklassieren?
    2. “dass weibliche Genitalverstümmelung das Menschenrecht der körperlichen Unversehrtheit verletzt.”
    Wird die körperliche Unversehrtheit von Jungen durch die Amputation der gesunden Penisvorhaut nicht verletzt?
    3. Ihr Schaubild in Punkt 2 zeigt FGM Typ Ia, also die Entfernung der Klitorisvorhaut. Dieser Eingriff ist weniger invasiv und weitreichend als die Amputation der Penisvorhaut, da diese hoch innerviert und von Tastkörperchen besetzt ist, die lediglich in diesem Bereich des Penis vorkommen. Der Verlust an Sensorik ist hier also größer. Dennoch wird der Eingriff bei der Frau als FGM bezeichnet. Warum?
    4. Sie zitieren Sure 95,4: „Wahrlich, wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.“
    Dort steht explizit “Mensch”, nicht “Frau”. Warum soll dieser Satz also nur für Frauen gelten? Wenn auch Männer in bester Form erschaffen wurden, warum sollen Erwachsene an den Genitalien von Jungen herumschneiden dürfen, an denen von Mädchen nicht?

    So lange Kinderrechte relativiert und nach Gutdünken ausgelegt werden, kann es einen wirksamen Schutz vor Genitalverstümmelung nicht geben. FGM gibt überall dort, wo es auch MGM gibt. Wie sollte man Eltern erklären, sie dürften über die Genitalien ihrer Jungen verfügen, über die ihrer Töchter jedoch nicht?
    Organisationen wie Terre de Femmes, (I)ntact e.V., Tabu e.V. haben dies erkannt und sprechen sich kompromisslos für das Recht aller Kinder auf unversehrte Genitalien aus. Jeder Versuch, die Rechte eines Geschlechts gegen die des anderen auszuspielen, kann nur scheitern.
    Kinderrechte sind unteilbar. Jede Verletzung kindlicher Genitalien ist Unrecht.

    1. Danke Herr Moser,
      ich stimme ihren Aussagen voll und ganz zu. Egal ob bei Mädchen oder Jungen eine Beschneidung / Verstümmelung durchgeführt wird: In meinen Augen ist es ein Verbrechen an den eigenen Kindern. Das von der deutschen Regierung mit dem fadenscheinigen Vorwand der “Religion” die Penis-Verstümmelung von männlichen Kindern sanktioniert wurde, hat mich extrem frustriert. Das Schweigen – und damit auch die zu vermutende Zustimmung – aller Frauen- / Feministenvereinigungen in Deutschland hat mich wütend gemacht. Übrigens: In Indonesien ist die am weitesten verbreitete, weibliche “Genitalverstümmelung” das Herausschneiden eines winzigen Stückes der Klitorisvorhaut. Wer denkt schon böses, wenn Indonesien hier nicht erwähnt wird? Ich hatte Kampangen gegen FGM unterstützt. Solange es nur “FGM” heißt und nicht “FGM und MGM” werde ich mich nie wieder beteiligen. Diese zielgerichtete Diskriminierung von männlichn Kindern und die Negierung ihrer Schmerzen durch alle FGM-Vereine weltweit ist eine Unverschämtheit.

      1. Guten Tag Herr Moser,
        vielen Dank für ihren Beitrag. Wir respektieren ihre Einstellung zu dem Thema. Darüber kann man durchaus lange Diskussionen führen. Wir als DSW konzentrieren uns in unserer Arbeit explizit auf weibliche Genitalverstümmelung, da sie in unseren Projektländern zusammen mit anderen Praktiken, wie beispielsweise Kinderheirat, eine größten Hürden auf dem Weg zur Gleichstellung von Frau und Mann darstellt.

        1. Hallo Frau Müßig,
          wenn Ihr Schwerpunkt auf dem Kampf gegen die FGM liegt müssen Sie doch trotzdem nicht die MGM so kleinreden wie das im 1. Absatz geschehen ist. Wir sind doch alle gegen die Genitalverstümmlung und da ein Geschlecht anders als das andere zu gewichten finde ich sehr fragwürdig und der Sache nicht dienlich.

          1. Guten Tag,
            derzeit sind wir dabei unsere Rubrik “5 Fragen – 5 Antworten” zu überarbeiten. In diesem Zuge werden wir die Anmerkungen und Hinweise zum FGM-Beitrag, auch bezüglich MGM, im Hinterkopf behalten und entsprechende Anpassungen machen. Wir freuen uns immer über konstruktive Rückmeldung.
            Mit besten Grüßen
            Leonie Müßig

  10. Ich wollte nochmals betonen, in den Moslemischen Ländern ist die Beschneidung der Männern „Sunna“. Und steht nicht im Koran. ich bin Muslimin, Genitalverstümmelung oder Beschneidung bei Mädchen gibt es bei uns NICHT. Das ist in Afrika traditionell bedingt.

    1. Liebe Frau Sanane,
      danke für Ihr Kommentar. Sie haben Recht: In den Ländern, in denen Genitalverstümmelung praktiziert wird, hat es einen traditionellen Hintergrund und keinen religiösen. Beschneidungen kommen religionsübergreifend bei Muslimen, Christen, bei Juden und Anhängern bestimmter traditioneller afrikanischer Religionen vor.

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